Mariahilf. 6. Wiener Gemeindebezirk.
Ein großer Hoffnungsbezirk für die Wiener Grünen und den Wahlen im Herbst.

Tendenz steigend. Liegen die Grünen doch in den letzten Wahlen in Mariahilf stets an erster Stelle: Die starken Ergebnisse bei den Europawahlen 2009, den Nationalratswahlen 2008 und 2006 prophezeiten ein starkes Ergebnis für die Grünen bei den Wiener Wahlen im Oktober 2010. Bei den vergangenen Landtagswahlen in Wien 2005 kamen sie mit 27,70 % an zweite Stelle – knapp 10 % hinter der SPÖ und 4 % vor der ÖVP.

 

Wahl Mariahilf in %
Europawahlen 2009 Platz 1
30,70 %
Nationalratswahlen 2008 Platz 1
28,60 %
Nationalratswahlen 2006 Platz 1
31,05 %
Bezirksvertretungswahl 2005 Platz 2
28,97 %
Gemeinderatswahlen 2005 Platz 2
27,70%

 

Nun das: Während den Vorbereitungen zur Wienwahl kam es am Donnerstag, 24. Juni 2010 zu einer Parteispaltung: Nach wochenlangen Verhandlungen fanden der Klubvorsitzende der Grünen in Mariahilf Manfred Rakousky mit den Wiener Grünen keine gemeinsame Basis mehr. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Kandidatur des Spitzenkandidaten, den Rakousky gerne aus seinem Bezirk sehen wollte. Dem Gegenüber stand eine Nominierung eines „Außenkandidatens“, den die Wiener Grünen gerne in Mariahilf positionieren wollten.

Rakousky sammelte sich daraufhin mit insgesamt 8 Personen zu einer eigenen Liste, die sich „Echt Grün – die Mariahilfer Alternative“ nennt. Diese eigene Bezirkspartei tritt nun in Mariahilf gegen die Grünen bei den Wiener Bezirksvertretungswahlen an.

Es liegt nun an den WählerInnen zu entscheiden, welche der beiden Grünparteien für sie wählbarer ist. Im Oktober wir sich zeigen, welcher Weg der wählerfreundlichere ist und wie sich die beiden grünen Listen künftig begegnen werden. Für die Wiener Grünen kann eine Kooperation mit eigenständigen Listen eine große Chance sein – Listen, die einen engen Bezug zur Region bzw. zum Bezirk halten, eigenständig agieren und eigene Strukturen halten. Am Beispiel der Burgenland Wahl 2010 zeigte sich, dass gerade diese Listen mit regionalen Gruppierungen eine wählbare Alternative und große Chance darstellen.

Wir haben uns bei Manfred Rakousky telefonisch über den Status, die Hintergründe und die neue Liste „Echt Grün“ erkundigt.

neuwal: Sie treten nun mit einer eigenen Liste bei den Wiener Wahlen an. Kann ich mir das wie eine Abspaltung vorstellen?

Abspaltung ist nicht ganz das treffende Wort, da wir nach wie vor die Grüne Alternative Wien sind. Allerdings mit der Ergänzung „Echt Grün“. Wie der Name letztlich lauten wird, entscheidet ein Rechtsgutachten. Dieses hängt davon ab, wem die Bezeichnung zugesprochen wird. Der Name bleibt bei der Mehrheit des Klubs, den wir mit unserer Gruppierung stellen.

Wir bezeichnen uns als Grüne Alternative Wien. Bei den Wahlen mit dem Zusatz „Echt Grün“.

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Das „Echt“, dass sie voran stellen – welche Bedeutung hat das und was möchten sie damit ausdrücken? Das Gegenteil von „echt“ ist „unecht“ – das ist ein Statement.

Die Leute, die in den letzten 10 Jahren hier in Mariahilf für die Bezirkspolitik gekämpft haben, Projekte eingebracht, Projekte, die wir nicht haben wollten verhindert haben (Tiefgarage am Naschmarkt) – Leute die hier im Bezirk arbeiten und wohnen. Es steht für die Leute, für die Bezirkspolitik aus der Alltagskultur heraus entstanden ist.

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Es steht für Vertrauensprozesse, für Ehrlichkeit und für Authentizität im Bezirk selbst.

Für die Leute ist es nicht wichtig, wie man aussieht: Mann, Frau, groß, klein oder ob man alt oder jung ist. Für die Leute ist es wichtig, dass man dort im Bezirk lebt, dass man im Alltag auf der Straße mit Menschen reden kann und, dass es Leute gibt, denen man von Problemen und Konflikten erzählen kann. Weiters auch , dass Ideen in den Bezirk hinein transportiert werden können,

Dass es Menschen auf der Straße gibt, die ansprechbar sind – das ist für die Leute wichtig. Die Menschen sollen in der Alltagskultur sichtbar sein und nicht ‚irgendwo‘ wohnen. Das schafft Vertrauen.

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Wieso gehen sie nun einen eigenen Weg, woran scheiterte es mit den Grünen?

Es gibt bei den Grünen die Tendenz, dass BerufspolitikerInnen vorangesetzt werden. Es werden Berufspolitiker vor den Leuten, die sich ehrenamtlich betätigen und ehrenamtlich gute Bezirkspolitik machen. Das ist überall in den Bezirksgruppen zu sehen. Ich sehe das als eine verhängnisvolle Politik.

Man sollte den Leuten, die in den Bezirken arbeiten, die etwas aufbauen und die versuchen, Mehrheiten zu bekommen auch die Verantwortung überlassen und selbst Spitzenpositionen zu besetzen.

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Was war der entscheidende Grund für eine eigene Liste?

Die BG6 (Bezirksgruppe 6) sprach sich mehrheitlich gegen eine Spitzenkandidatin von Außen aus. Wir wollten aus der BG6 heraus selbst den Spitzenkandidaten stellen.

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Haben Sie versucht, an der Situation etwas zu verändern?

Wir haben wochenlange Verhandlungen mit den Grünen Wien geführt. Wir haben versucht, eine gemeinsame Kandidatur zu Stande zu bekommen. Ich möchte nicht, dass es drei Grüne Listen in Mariahilf gibt.

Für uns wäre es ein Kompromiss gewesen, wenn drei unserer KandidatInnen bei der anderen Gruppe mitmachen und so miteinander verschränkt werden. Das wären drei von acht, die wir gewesen sein hätten sollen, um so doch noch eine gemeinsame Liste zusammen zu bekommen – und zwar drei KandidateInnen unter den ersten zehn Listenplätzen.

Auch dieser Kompromiss wurde von den anderen abgelehnt. Dann war es für uns nicht mehr anders möglich, als eine eigene Liste zu gründen.

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Was wünschen Sie sich von den Grünen – was soll sich verändern?

Ich wünsche mir, dass nicht versucht wird, AußenkandidatInnen durchzudrücken oder, wie eben jetzt im 8. Bezirk agiert wird.

Weiters, dass sie nicht selbst intervenieren und selbst über den Landesvorstand oder über die Spitzen der Parteipolitik etwas aufbereiten, sondern wirklich schauen, dass die Bezirksgruppen ihre Probleme und Konflikte selbst lösen kann. Und zwar, dass man sie infrastrukturell auch stark unterstützt: Man kann ihnen Mediatoren zur Verfügung stellen und weitere Arbeitskräfte zur Entlastung bereitstellen. Das ist sinnvoller, als zu sagen, dass es Leute mit einem super Konzept gibt, dass in den Bezirken realisiert werden kann.

Ich wünsche mir mehr Dezentralisierung und Unterstützung der Dezentralisierung dieser Gruppen – weniger Professionalisierung. Leute können von sich aus selber lernen, modifizieren und die Dinge auf den Punkt bringen. Das ist ein klassischer Lernprozess für neue Generationen.

Es muß die Chance geben, in dieser Weiterentwicklung auch Positionen zu besetzen. Ich kann niemanden fünf Jahre lang arbeiten lassen, um dann, wenn er/sie die Chance auf eine Spitzenposition hat, jemand vom Rathaus vorbeikommt und sagt, „Wir können das viel besser – Danke für die fünf Jahre“.

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