Österreichs Medienlandschaft ist um ein Urgestein ärmer: Hans Dichand ist im Alter von 89 Jahren – nicht ganz unerwartet, aber doch recht plötzlich – verstorben. Ihn als langjährigen Herausgeber der „Kronen Zeitung“ zu bezeichnen, würde viel zu kurz greifen. Dichand ware ein einzigartiger Wegbereiter des (Boulevard-)Journalismus in Österreich. Ein mächtiger Medienmacher, der das Land geprägt hat wie kaum ein anderer.

Da waren sie beide noch am Leben: "Krone"-Herausgeber Hans Dichand erklärt Bundespräsident Thomas Klestil beim Guglhupf die Welt - in der TV-Doku "Tag für Tag ein Boulevardstück", (C) Navigator Film
Da waren sie beide noch am Leben: "Krone"-Herausgeber Hans Dichand erklärt Bundespräsident Thomas Klestil beim Guglhupf die Welt - in der TV-Doku "Tag für Tag ein Boulevardstück", (C) Navigator Film

Von Kritik keine Spur
Viel war schon zu seinem Leben und Schaffen zu lesen – wie in Österreich üblich, hielt sich die Kritik an der Person in engsten Grenzen. Von den Grünen, liberalen Medien und einigen Bloggern abgesehen, waren alle Kommentare und Nachrufe voll der Lobhudelei. Am schlimmsten – wie so oft in den letzten Jahren – war der eilfertig produzierte ORF-Nachruf, in dem mehrere ebenfalls bereits Verstorbene ausschließlich bewundernde Worte finden.

Neue Chancen für Österreich
Eines vorab: Jeder Tod ist tragisch, mein Beileid gilt allen Familienmitgliedern, Freunden und Mitstreitern, die Hans Dichand nahe standen. Bei allem Respekt vor seinem Lebenswerk und seiner beeindruckenden Vita darf man jedoch nicht übersehen, dass Österreich durch das tragische Ereignis neue Chancen erwachsen. Man muss sich nur trauen, sie zu sehen.

Lüftet die „Krone“!
Erstens: Die „Krone“ kann ein „normales“ Medium werden! Bis zum Schluss hat der „Alte“, wie Dichand hausintern nicht respektlos genannt wurde, das Blatt stark geprägt. Dichand = Krone, diese Gleichung war unumstößlich. Neben seinem unvergleichlichen Gespür für Themen haben vor allem innovative Elemente wie Leser-Integration und Leser-Service machten auch exzellente politische Kontakte zur SPÖ und der Aufbau eines österreichweiten Vertriebs- und Kolporteursnetzes gepaar mit genialem Marketing (seinerzeit noch mit Kurt Falk) möglich.

Der Mief und die Macht
Das alles ging aber scheinbar nicht ohne die Schattenseiten: für Dichand war der Zweite Weltkrieg nie zu Ende. Bei Firmenfeiern gab er seine Kriegsgeschichten zum besten, der EU stand er (trotz Pro-EU-Beitritts-Kampagne) stets skeptisch gegenüber. Seine – ihm zugeschriebene und stets verleugnete – Macht übte er gnadenlos aus, versuchte Kanzler zu machen und Minister zu stürzen, Bundespräsident Klestil diktierte er beim Guglhupf seinen politischen Wunschfahrplan. Erschreckend, und oftmals erschreckend effizient.

Abschied von Hitler
Der schlimmste und unentschuldbarste Makel war aber der Hitler-Kult und Judenhass, der (mehr oder weniger) versteckt immer wieder im Blatt zu finden war. Das ging weit über die Ausländerfeindlichkeit hinaus und wird in dieser Form in Zukunft nicht mehr stattfinden. Ich bin gespannt, welche neue „Krone“ nun entsteht – ohne den Mief und selbstgeschriebene Leserbriefe. Spannend, nicht zuletzt auch für Konkurrent Wolfgang Fellner und sein „Österreich“.

Ausse aus die Staud’n!
Zweitens, und für Österreich noch wesentlich wichtiger als die erwartbaren Umbrüche in der Medienlandschaft: Die Politik könnte sich wieder etwas trauen! Liebe Regierung, liebe Minister: Ausse aus die Staud’n! Gerade die Innenminister – und zwar ALLE, von Schlögl bis Fekter (mit einziger Ausnahme Caspar Einem, der dafür einen hohen Preis zahlte) kuschten vor Dichand. Kanzler krochen vor ihm zu Kreuze (sowohl Gusenbauer als auch Faymann), einzig Schüssel versuchte, ihm die Stirn zu bieten.

Politik ohne Furcht
Sie alle können nun aufatmen: Wohl wird die „Krone“ weiterleben und vermutlich auch weiter Erfolg und Einfluss haben, die Machtposition war aber an die Position und Reputation Dichands geknüpft und lässt sich nicht vererben. Wann, wenn nicht jetzt, kann die österreichische Politik ohne Angst vor Kampagnen-Bashing und Liebesentzug agieren? Die „Krone“ ist mit sich selbst beschäftigt und wird sich (endlich) weiterentwickeln (müssen).

Auch wenn es naiv sein mag: Wer etwa Natalie Borgers – vom ORF nie ausgestrahlte! – Dokumentation „Tag für Tag ein Boulevardstück“ gesehen hat, der weiß, in welcher Schreckstarre viele Politiker vor der medialen Macht von Dichands „Krone“ und seinem biblischen Zorn verharrten. Das ist Vergangenheit, man sollte es Faymann & Co nur sagen!