Vor zehn Jahren fand die zweitgrößte Nachkriegsdemonstration auf dem Heldenplatz statt – mit weit über 100.000 friedlichen Protestierenden. „Widerstand! Widerstand!“ hallte es durch ganz Wien. Tausende hielten sogar zwei Jahre lang durch, bis „Schwarz-Blau I“ zu Ende war und Neuwahlen stattfanden.

Heute sind diese Geschehnisse in Vergessenheit geraten – auch im Internet. So war es mir schon fast unmöglich, das damals omnipräsente Schwarz-Blaue Mascherl aufzutreiben. Auch alle anderen Zeugnisse und Texte sind weitgehend aus dem Web verschwunden, seit die Basis „public netbase“ von der Regierung zur Schließung getrieben wurde.

Frederick Baker, mehrfach ausgezeichneter BBC und ORF-Journalist kämpft gegen das Vergessen der einzigartigen Vorgänge, die sogar die EU erschütterten, mit Witz und Verve an.

"Die beschämte Republik. 10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich" - Frederick Baker, Petra Herczeg (Hg.), Cover (C) Czernin Verlag, Montage: Stefan Egger
"Die beschämte Republik. 10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich" - F. Baker, P. Herczeg (Hg.), Cover (C) Czernin Verlag, Montage: Stefan Egger

Frederick Baker wird zum (unfreiwilligen) Chronisten der Machtübernahme durch Schüssels ÖVP und Haiders FPÖ im Jahr 2000, die zwar im In- und Ausland hohe Wellen schlug, aber bereits weitgehend vergessen ist. Nach seiner filmischen Aufarbeitung „Widerstand in Haiderland“, über die er auch im neuwal-Interview ausführlich spricht, hat er nun zusammen mit der Wissenschaftlerin Petra Herczeg ein Buch herausgegeben, das auch die wichtigsten Interviews aus der Dokumentation in voller Länge enthält.

„Die beschämte Republik – 10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich“ ist so spannend wie ein Krimi, auch wenn die Schlaglichter, die in den einzelnen Beiträgen auf die Ereignisse der „Wendejahre“ geworfen werden, unterschiedlicher nicht sein könnten. Sogar als politisch überdurchschnittlich interessierter Mensch hat man vergessen, was damals alles zusammenkam: die Massenproteste, die nicht und nicht abebben wollten. Der unterirdische Weg zur Angelobung. Die Ablehnung zweier Minister durch Bundespräsident Klestil. Christoph Schlingensiefs „Ausländer Raus“-Aktion. Die „Botschaft besorgter Bürger vor der Hofburg, die von Josef Hader unterstützt wurde…

Neben den „üblichen Verdächtigen“, die niemals müde werden, politische Missstände in diesem Land aufzuzeigen – Florian Klenk (Falter), Robert Menasse und in diesem Fall allen voran Doron Rabinovici (einer der Schlüsselfiguren der Demoorganisation) kommen auch internationale Philosophen wie Bernard-Henri Lévy vor. Mercedes Echerer liefert die EU-Perspektive, die auch nichts an Dramatik vermissen lässt. Michael Frank von der „Süddeutschen Zeitung“ (auch er war kürzlich mit neuwal im Gespräch) findet ebenso klare Worte mit weiterer Perspektive. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz runden das Bild ab. Josef Hader schließlich darf mit seinem wirklich sehr treffenden Kommentar über „das Kind Österreich, das ja eigentlich nichts getan hat und wenn, dann sicher nichts Schlimmes und nicht absichtlich“ das Sittenbild vervollständigen.

Absoluter Lesetipp für alle politisch Interessierten!

„Die beschämte Republik – 10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich“
Verlag: Czernin
Preis: EUR 21.90
ISBN: 978-3-7076-0313-2
Seiten: 224
Ausstattung: Hardcover