Im Standard-Montagsgespräch zeigte sich, dass nach dem überraschend schlechten Abschneiden bei der Bundespräsidentenwahl – wenn es auch keine dramatische Niederlage war – ein spannender Richtungsstreit innerhalb der FPÖ ausbrechen könnte.

Dieter Böhmdorfer, Lothar Höbelt und Trautl Brandstaller beim Standard-Montagsgespräch
Dieter Böhmdorfer, Lothar Höbelt und Trautl Brandstaller beim Standard-Montagsgespräch
Den Anfang machte Dieter Böhmdorfer, Haiders Ex-Anwalt und ehemaliger Justizminister, nicht zuletzt wegen der zahlreichen (oft gewonnenen) Medienprozesse in Erinnerung geblieben.

„Rosenkranz war sicherlich nicht die richtige Kandidatin. Alle Parteien haben diese Chance perfekt ausgelassen“

Für Böhmdorfer war Rosenkranz nicht die optimale Kandidatin, allerdings war er auch von den anderen Parteien enttäuscht, dass keine weltoffene Persönlichkeit mit Schnittstelle zur EU aufgestellt wurde. Er hält das für ein Schwächezeichen der Politik. Böhmdorfer führt das schlechte Abschneiden bei der Bundespräsidentenwahl nicht auf eine sinkende Popularität des dritten Lagers seit Haiders Tod zurück, denn charismatische Persönlichkeiten sieht er generell wenige: „Bei der SPÖ war das Kreisky, bei der FPÖ Haider, bei der ÖVP fällt mir dazu niemand ein.“

„Es gibt eine große Gruppe, die will nicht Rot oder Schwarz sein. Das ist nicht erlaubt in diesem Land“

Einen Rechtsruck im Land kann Böhmdorfer nicht erkennen: „Es gibt eine große Gruppe, die will nicht Rot oder Schwarz sein. Das ist nicht erlaubt in diesem Land. In Wahrheit geht es allen Parteien um Stimmenmaximierung, den etablierten auch um Machterhalt und –ausbau. Die FPÖ hat ja keine Macht! Auch wenn sie über 50% der Stimmen hätte, könnte sie aufgrund der Parteienlandschaft nichts verändern. Die außerparlamentarischen Kräfte sind so stark, dass wir längst die Wirkungswege unserer demokratischen Vertretungskörper verloren haben!“

„Ich habe die Politik eines Jörg Haider nicht eine Sekunde exekutiert!“

Die zahlreichen Medienprozesse waren für ihn unangenehm, aber notwendig: „ Wir haben nicht einmal den Ansatz einer Medienfreiheit!“ Die Politik des Jörg Haider habe er „nicht eine Sekunde exekutiert“. Böhmdorfer ist durch seine Erfahrung im Parlament verbittert: „Die Leute glauben immer, Politiker arbeiten – dabei tun sie ganz etwas anderes.“

Lothar Höbelt, Historiker an der Uni Wien, bekennender Wechselwähler zwischen FPÖ und ÖVP, war Mitglied des Unterstützerkomitees für Barbara Rosenkranz.

„Strache als angry young man wäre eine Pflanzerei gewesen“

Für Höbelt waren Innen- und Außenwahrnehmung bei Barbara Rosenkranz zu unterschiedlich, die Medien hätten sie unfair behandelt. „Die Innenwahrnehmung war: Bürgerlich-konservative Überlegte statt Strache als angry young man. Die Kampagne hat aber nicht geklappt“. Das Ergebnis war für ihn interessant, weil Rosenkranz FPÖ-untypisch im ganzen Land mit wenigen Ausreißern gleich gut gelegen ist. Höbelt ist überzeugt, dass die FPÖ andere Leute aufbauen muss. „Strache als Kandidat wäre eine Pflanzerei gewesen!“

„Die nächsten Wahlen sind klassische Aufholjagden, die Strache gewinnen muss. Dann wird’s spannend“

Interessant wird es für den Historiker erst, wenn Strache über die landesweit 20 Prozent, die Haider erreichen konnte, dazugewinnt: „Wien ist noch eine Wahl, die Strache gewinnen wird, genauso wie Burgenland und Steiermark, das sind klassische Aufholjagden. Dann wird’s spannend, es wird sich zeigen, ob Strache danach etwas dazugewinnen kann.“

„Sie nennen es Hetze, andere nennen’s Propaganda…“

Inhaltliche Programmatik hält Höbelt für unwichtig. Auf hetzerische Sprüche und Kampagnen angesprochen, spielt der diese herunter: „Das ist ja keine Frage der Inhalte. Sie nennen das halt Hetze, die anderen nennen’s Propaganda, das ist ja g’hupft wie g’sprungen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat ein großes Unbehagen mit der Massenzuwanderung aus fremden Kulturen…“ Bei diesen Aussagen geht lautstarker Protest durch die Zuhörerschaft.

„Warum Martin Graf als Rechter bezeichnet wird, weiß ich wirklich nicht“

Massives Gelächter erntet Höbelt, als er Martin Graf zum Linken erklärt. „Er hat mit den Grünen gemeinsam für die Abschaffung der Studiengebühren gestimmt, hat die italienische Rechtsregierung angeflegelt, in seiner Umgebung findet man die höchste Konzentration von Rot-Blau Fans in Österreich… wenn das Rechts ist, das bin ich wirklich nicht!“ Rechts und Links sind für ihn generell überholte, schwammige Begriffe.

Anders sieht das die langjährige leitende ORF-Angestellte Trautl Brandstaller (Dokus „Fremde in der Heimat“ und „Juden in Wien heute“, jüngstes Buch: „Die neue Macht der Frauen“).

„Es ist demokratiepolitisch beruhigend, dass Rosenkranz nur 15% bekommen hat.“

Für Brandstaller ist es „demokratiepolitische ist es sehr beruhigend, dass Frau Rosenkranz nur 15,2% erreicht hat“. Sie findet es aber „gespenstisch“, dass sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ein Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten öffentlich vom Nationalsozialismus distanzieren muss.

„Rosenkranz ist ein Modell aus einer untergegangenen Ära“

„Die FPÖ hat damit die Chance verspielt, einen Kandidaten aufzustellen, der auch im bürgerlichen Lager Stimmen gewonnen hätte. Diese Kandidatin war in jenem Potenzial, in dem die FPÖ so gerne fischt – Jugendliche, Discovolk, junge Arbeiter – absolut jenseitig. Eine Ahnfrau, aus einer anderen Zeit, ein Modell aus einer untergegangenen Ära!“

„Dass schlagende Burschenschafter etwas Linkes sind, darüber machen wir lieber Kabarett“

Das Gerede über die Begriffe rechts und links ist für Brandstaller eines der üblichen Verwirrmanöver. „Dass schlagende Burschenschafter etwas Linkes sind, darüber machen wir lieber Kabarett – Martin Graf als der neueste Linke in Österreich!“. Sie zitiert den italienischen Philosophen Roberto Bobbio: „Der Leitstern der Linken ist die Gleichheit“, weshalb es noch immer Unterscheidungen gäbe.

„Zur Krise höre ich von der FPÖ gar nichts. Ihre Krise war der Tod Jörg Haiders…“

„Das österreichische Parteiensystem ist insgesamt nach rechts gerückt, daher wäre wieder Platz für eine linke Partei. Besonders in Zeiten der Krise. Wenn ich mir durchlese, was die Parteien dazu sagen, ist das wirklich kläglich. Von der FPÖ höre ich diesbezüglich gar nichts – ihr habt das noch gar nicht so mitbekommen. Eure Krise war der Tod des Jörg Haider.“

„Latent geschürter Rassismus ist kein Marketingschmäh. Eure Leute stehen vor Kulturbauten und schreien: Anzünden!“

Neben Haiders durchaus berechtigen Kritik am System sieht Brandstaller „die ungeheure Hetze gegen Ausländer und später durch Strache gegen Muslime und den Islam“ als Problem. „Diesen ständig geschürten latenten Rassismus muss man der FPÖ vorwerfen, und sie schafft damit ein menschenverachtendes Klima im Land. Da können sie nicht einfach sagen, das ist alles nur ein Marketingschmäh. Wenn in der Brigittenau ein Kulturbau errichtet wird, sind ihre Leute dort und schreien „Anzünden“!

Robert Misik, politischer Kommentator und Bestsellerautor (jüngstes Buch: „Die Politik der Paranoia“), 2009 mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, machte die Runde komplett.

„Ich sehe meine Rolle nicht darin, der FPÖ gute Tipps zu geben, wenn sie depperte Fehler macht“

Auch Misik führt den Wahlausgang auf Rosenkranz zurück: „Die Kandidatin war der Grund, warum die FPÖ kein Bein auf den Boden bekommen hat bei dieser Wahl. Jemand der zwischen ÖVP und FPÖ steht hätte natürlich besser funktioniert als jemand vom rechtesten Rand der rechtesten Rechtspartei. Ich sehe meine Rolle aber nicht darin, der FPÖ gute Tipps zu geben, wenn sie depperte Fehler macht. Da würde ich eher sagen: Weiter so! Eine verlorene Bundespräsidentenwahl bringt die FPÖ aber noch nicht auf die Verliererstraße.“

„An den Stammtischen war sie ‚die Irre aus Niederösterreich’“

Dass sich die „Radaupartei“ FPÖ über die schlechte Behandlung in den Medien echauffiert, findet Misik lächerlich. „Man hat die Stimmung falsch eingeschätzt, da hat man das Sensorium verloren. Was haben die Leute an den Stammtischen über Rosenkranz gesagt? Die Irre aus NÖ – so etwas hätte man über Strache nie gesagt.“

„Das Duell Strache-Häupl gibt’s net!“

Für Misik ist die Wien-Wahl keine g’mahte Wies’n für die FPÖ: „Die Verhetzungsparolen, die sie nur als Marketingschmäh sehen, erreichen nur einen kleinen Prozentsatz, der Rest lehnt diese ganz dramatisch ab, die werden sich gegen diese Wahlkampf wehren – da hat sich auch viel medial verändert. Das merkt man auch in Facebook, es gibt so viele junge Leute… viel mehr als 20% werden’s in Wien nicht werden, das Duell Häupl-Strache gibt’s net.“