Ich sitze hier mit Hubert „Hubsi“ Kramar im 3raum Anatomietheater, dem österreichischen Schauspieler, Regisseur, Produzent und Aktivist, der mir schon in Frederick Bakers Doku „Widerstand in Haiderland“ als exzellenter politischer Analyst aufgefallen ist. Kramar ist ein bekanntes Sprachrohr der linken Bewegung in Österreich. Für nationales und internationales Aufsehen sorgte vor Allem sein Hitler-Auftritt beim Opernball 2000 unter Schwarz-Blau. Anlass des Treffens ist die Bundespräsidentenwahl, die am 25. April stattfindet.

Bild | CC Martin Juen

„Weiß wählen finde ich geradezu absurd!“

Herr Kramar, die vielleicht wichtigste Frage zuerst: Gehen Sie zur Wahl, oder haben Sie vor – wie so viele andere, nachdem der Ausgang ja quasi feststeht – die Chance nicht wahrzunehmen?

Ich glaube, das ist die große Gefahr bei so einer Sache. Die wirklich politischen Leute gehen zu so einer Wahl. Weil sie wissen, dass das demokratiepolitisch, von der Geschichte her, wie auch immer – wichtig ist. Auch wenn der sonderbare Satz „Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie längst abgeschafft“ natürlich auch eine Art von Richtigkeit hat, aber nicht die einzige. Das gefährlichste an dieser Wahl ist ja vor allem, dass die ÖVP ja niemanden aufgestellt hat und sogar demokratiepolitisch bedenklich aufruft zum Weiß wählen – also Teile der ÖVP. Das finde ich geradezu absurd von einer Partei, die Parteienförderung kriegt aufgrund demokratiepolitischer Geschichte auch. Dann so etwas zu machen, ist für mich ahistorisch, treibt das sich verstärkende Problem der sogenannten unpolitischen Jugend an, die man jetzt schon ab 16 wählen lässt. Das heißt, aus verschiedenen Gründen ist es einfach sehr unvernünftig, nicht wählen zu gehen.

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Da ist etwas im Hintergrund gelaufen, was einfach grauslich ist. SPÖ und ÖVP haben einen Deal“

Es haben ja auch die Grünen niemanden aufgestellt bei dieser Wahl. Aber sie waren zumindest soweit, sich quasi in letzte Minute durchzuringen, eine Wahlempfehlung abzugeben…

…aus den genannten Gründen…

….aus den genannten Gründen, richtig. Woran glauben Sie, liegt es, dass keine ebenbürtigen Kandidaten aufgestellt wurden. Es gab ja zumindest bei den bisherigen Präsidentenwahlen meistens Gegenkandidaten, die 20-30 Prozent schaffen könnten, theoretisch.

Es war auch schon knapp damals, etwa bei Streicher. Man hat auch geglaubt, dass er gewinnt, hat dann nicht gewonnen, sondern Klestil… es ist eine schwierige Geschichte. Wir haben ja jahrelang Habsburg Recycling, ein sehr lustiges Programm gemacht über Bundespräsidentenreden. Weil es für mich schon als Kind sehr komisch war, dem zuzuhören, was so vermeintlich staatstragende Vertreter so von sich geben, wobei den Staat ja eigentlich der Steuerzahler, das Volk trägt – ich sehe sie ja satirisch.

Wobei ich es ja diesmal nicht lustig finde, wenn Kandidaten aus dem nationalsozialistischen Umfeld und Gedankensphäre plötzlich eine Kandidatin aufgestellt und ein Martin Graf im Parlament dritter Nationalratspräsident ist. Das ist schon unglaublich. Für mich läuten da alle Alarmglocken, wo ja Österreich hier nicht unbeteiligt war, an der ganzen austrofaschistischen und dann nazifaschistischen Geschichte und dem Holocaust. Insofern ist es zutiefst erschreckend, das ist eher meine Haltung. Aufgrund der permanenten Verdrängung und dem latenten faschistoiden Gehabe, auch der großen österreichischen Politik, aufgrund dessen, dass ja alle drei Parteien letztlich Teile der damaligen Faschisten aufgenommen haben, das auch mussten, weil das ein so großer Teil der Bevölkerung war. Dass die Austrofaschisten überhaupt salonfähig geworden sind, indem sie sich nachher als Widerstandskämpfer ausgegeben haben – Dollfuß wurde ja von einem Nazi umgebracht. Der Austrofaschismus gilt etwas in Österreich, Dollfuß hängt ja nach wie vor im Parlamentsclub der ÖVP. Dinge, die schon eigentlich zutiefst erschütternd sind – wie vieles. Es wäre ja die Ernährung, der Dreck in den Nahrungsmittel, Verkehrs- Bildungs- und Sozialpolitik.

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Nur, das hat eine besondere Note unter dem Aspekt. Und dass aus irgendwelchen Spielchen heraus die ÖVP keinen Kandidaten aufgestellt hat, ist etwas, das sich uns verschließt. Da ist etwas im Hintergrund gelaufen, was wir sicher nicht erfahren werden. Das sind reine Spekulationen.

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„Wer für soziale Gerechtigkeit ist, ist für die Rechten sofort ein Stalinist“

Also irgendein Deal zwischen SPÖ und ÖVP…

…da ist ein Deal, klarerweise ist das so! Da ist irgendwas gelaufen, was einfach grauslich ist. Und ich glaube, dass Fischer ja insgesamt nicht unbedingt ein Linkslinker ist– vor allem als Bundespräsident weiß er auch, dass er sich aus diesen Dingen raushalten muss, weil er eine neutrale Position einnehmen muss, insgesamt ein ganz guter Bundespräsident ist. Wie auch immer, wenn er auch seine Fehler macht. Wir haben auch unsere Probleme mit ihm gehabt bei faschistischen Themen, wo er klar hätte Stellung beziehen müssen. Aber er weiß genau, dass durch die starke Rechte das sofort als SPÖ-Aktion ausgelegt wird. Er kann gar nicht neutral sein, nämlich in dem Sinn: er muss mehr für die Rechten sein als für die Linken…

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…sonst steht er als linkslinker Paria da.

Genau, das ist er Wahnsinn. Das ist der Schmäh, mit dem die Rechten ja immer operieren können. Jeder, der für soziale Gerechtigkeit ist, ist für die Rechten sofort ein Linker und ein Stalinist oder so. Umgekehrt passiert es natürlich auch, dass man fälschlicherweise die Rechten gleich ins ganz rechte Eck stellt. Das ist derselbe Fehler, weil viele Protestwähler der FPÖ ja gar nicht wissen, was das alles ist, die haben sich nie mit Geschichte beschäftigt. Die sind ja nur emotional aufgeladen und ihr Denkwerkzeug ist da überhaupt nicht entwickelt – die sollten gar nicht wählen dürfen eigentlich. [Lacht]

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„Wenn man nicht wählen geht, kann schnell etwas passieren“

Zwei Dinge fallen mir dazu spontan ein: Heute gab’s eine Veröffentlichung, für welche Werte die Leute stehen. Fischer mit 4,2 auf einer Skala von 1 (sehr links) bis 10 (sehr rechts) relativ in der Mitte, Rosenkranz weit rechts bei 8,1 und sich selbst sehen die Leute bei 4,8. Das heißt der Durchschnittsösterreicher stuft sich selbst leicht links der Mitte ein, und Fischer nicht weit davon entfernt, in seinem aktuellen Amtsgebaren.

Das entspricht glaube ich auch der Realität. Wenn man aber eben nicht wählen geht, kann schnell etwas passieren. Das war ja das Problem jetzt in der Schweiz mit der Moslem-Geschichte, da hat man sich auch gedacht, das wird schon nicht so schlimm werden mit der Volksbefragung, da braucht man eh nicht hingehen. Wie dann plötzlich diese Volksabstimmung gegen den Minarettbau ausging und eine sehr rechte Geschichte geworden ist, war man sehr überrascht.

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Es ist einfach notwendig, wählen zu gehen. Warum wird nicht einer aufgestellt, der die Nichtwähler repräsentiert. Wir haben ja den Beppi Pavian entwickelt, einen Leasingkandidaten – ein pensionierter Affe aus dem Zoo Schönbrunn – den man mieten kann, das ist wieder die satirische Note, die eigentlich der Partei der Nichtwähler zuspielen würde.

Aber in Österreich ist halt alles unter absoluter Parteikontrolle, es gibt ja keine freie Politik in dem Land, sondern nur Zwänge –das war auch das Problem Gusenbauers, der gesamten SPÖ, dass die Mehrheit in diesem Land immer rechts war und ist. Daher kann man gar keine linke Politik machen, weil man im Parlament nie die Mehrheit dafür finden würde. Das ist das Dilemma der SPÖ – sie muss daher immer Kompromisse schließen, die ihnen sehr schaden, was man dann das Unpolitische nennt. Realpolitisch können sie sich nicht viel bewegen. Der Fehler ist, dass sie nicht wirklich Positionen beziehen, sondern auch dem Kronenzeitungsverhalten und dem Dichand klein beigeben.

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„Was soll ich zur Wahl gehen? Da bleib ich lieber daheim sitzen und onanier“

Und damit haben wir eigentlich keine wirkliche Politik in dem Land, die schärferes Profil hat, wo man sagt, die kann ich wählen. Das Problem beim Nichtwählen ist eher, dass es das Unpolitische, das Nichtpolitische fördern. Daher ist es so widersprüchlich! Aus dem Grund sagt jeder, was soll ich zur Wahl gehen, da bleib ich gleich daheim sitzen und onanier oder schau Fußball oder höre Beethoven, je nach Bildungsklasse. […]

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„Gehring ist gerade zur jetzigen Situation eine ziemliche Witzfigur. Der ist auf einem Niveau unterwegs…“

Jetzt gibt es ja nicht nur eine national-konservative Kandidatin, sonder auch einen „kirchlichen“ Kandidaten, Herrn Gehring.

Ja, aber der ist gerade zur jetzigen Situation eine ziemliche Witzfigur. Der bezieht ja konservative Positionen, gerade jetzt in der Kirchendebatte – Homosexualität, Zölibat, Missbrauch durch Priester bis hinauf zu den Kardinälen – da wird’s dann wirklich komisch. Der wird nicht viele Stimmen holen, es gibt ja auch noch Rosenkranz – die heißt ja schon Rosenkranz – als Gegnerin. Die ist zwar ausgetreten, aber eigentlich christlicher als der Gehring. Das sind Positionen, die sind schon fast ahistorisch. […] Der ist auf einem Niveau unterwegs… 1,5 Prozent hat der doch bei der Wahl bekommen, wo er angetreten ist.

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„Strache macht auf jung und dynamisch, und plötzlich steht da eine mit dem deutschen Mutterkreuz!“

Interessant ist Rosenkranz, und da ist das Lustige, dass Strache sie nicht mag. Sie passt nicht zu seinen Jungwählern – er macht auf jung und dynamisch und plötzlich hat er da eine mit dem deutschen Mutterkreuz, die eine Position hat wie 1935 und auch irgendwie so daherkommt. Wenn will die denn hinter dem Ofen hervorlocken, außer die Hartgesottenen, wenn nicht einmal wirklich die FPÖ, die eigene Partei, für sie das Kreuz erhebt – was natürlich blöd ist, wenn sie aus der Kirche ausgetreten ist… da sind so viele Widersprüche.

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„Wenn Österreich ein Mensch wäre, wäre er längst eingeliefert in Steinhof. So nennt man es Republik.“

Das unterstreicht das Groteske dieser Situation. Wo kommen diese Kandidaten her, und warum gibt’s keine anderen?

Weil Österreich politisch so beinander ist! Diese Wahl zeigt, wie grotesk und in welchem Geisteszustand dieses Land ist. Wär’s ein Mensch, wäre er längst eingeliefert in Steinhof. Aber weil dort halt nicht so viele reinpassen, nennt man es Republik. Das ist ja so absurd irgendwo, dass man 2010 nicht intelligente Menschen hat, wo man sich überlegt, der hat ein Programm, der vertritt etwas, das intelligent ist, das vernünftig ist – aber es kommt nichts. Wählen gehen muss man aber trotzdem, denn wenn keiner wählen geht und sagt, „des ist eh alles a Schas“, hat Rosenkranz plötzlich Prozente und Gehring… es ist alles möglich!

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Dann kommt wieder der Effekt zu tragen, dass für Fischer das Rennen gelaufen zu sein scheint, seine Anhänger bleiben daheim…

… seine Gegner laufen aber fleißig zu den Urnen. Für die ÖVP ist er ja ein rotes Tuch, die haben richtig grausliche Begriffe dafür. Für die sind ja die Roten die Bazillen und die Viren bei der FPÖ, bei der ÖVP sind’s die „Roten G’fraster“ – das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Denke ist. […]

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„Der Ball liegt am Elfer, es ist kein Tormann im Tor – und keiner haut drauf!“

Jetzt momentan zeugt das auch von dem politischen Patt, in dem das Land steckt. Es geht ja bei den großen Dingen nirgendwo etwas weiter.

Es geht schon seit dem Kreisky nichts weiter! Weil sich die Parteien das Land aufgeteilt haben, die ÖVP ist die Besitzerin des Landes. Die haben wahnsinnig viel Kapital und Macht dadurch, und ihre Klüngel und so weiter. Die SPÖ hat ein schlechtes Gewissen, weil sie mit diesem Neoliberalismus mitgespielt hat, sehr viele Fehler gemacht hat gegen ihr eigenes, ursprüngliches Parteiprogramm. Weil sie auch schon sehr lange an der Macht sind – und das korrumpiert. Jetzt haben sie das Problem, dass sie nach außen hin eine sozialdemokratische Moral vorgeben müssen, die sie aber nach innen zum Teil nicht haben. Das ist das Dilemma, vor allem für die Jungen. Jetzt liegt der Ball auf dem Elfer, es ist kein Tormann im Tor – und keiner haut drauf.

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Und das interessante ist, das sich in solchen Zeiten ökonomischen Tiefgangs wie die Weltwirtschaftskrise heute – die Bösen sind immer die Linken, die „Gutmenschen“. Wenn dann das ganze Schlamassel zusammenbricht, die Gesellschaft, sind die Linken die, die man braucht, die sozial denkenden Menschen am Zug. Ist der Karren aus dem Dreck, kommt wieder Geld herein in die Kassa, sind die anderen wieder da. Wenn alles einmal hin ist, kriegt man am meisten Kredit. […] Da kommen die „Trümmerfrauen“, dann wird aufgebaut, alle halten zusammen. Kaum kommt ein bisschen Kapital, kommen die aus ihren Löchern gekrochen und haben wieder alles in der Hand. Dann wird der ganze Gewinn wieder privatisiert.

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„Das Amt hat Rost angesetzt. Man muss nachjustieren.“

Um wieder ein bisschen auf die Wahl zurückzukommen. Das Amt des Bundespräsidenten wurde ja von nicht ganz unwichtigen Persönlichkeiten in letzter Zeit mehrfach in Frage gestellt. Ich kenn auch sehr viele Gegenmeinungen dazu – was sagen Sie dazu?

Ich denke, je mehr Menschen – wenn es gut gemacht ist – Verantwortung haben bzw. auch Verantwortung kontrollieren, umso weiter ist man weg von einem Diktator, bei dem sich die ganze Macht in einer Hand konzentriert. Das heißt, das hat ja Geschichte. […] Aus einem guten Grund hat man die Funktion des Bundespräsidenten geschaffen, hat aber nicht nachjustiert, sodass im Laufe der Zeit das Ding Rost ansetzt, das Sand im Getriebe ist und es so erscheint, als könnte ihn man sich ersparen. Was war die ursprüngliche Absicht, was war das Gute daran, was muss man aufgrund der Veränderung einer Gesellschaft verändern, damit die Position noch einen Wert hat, den man vermitteln kann? […] Es gibt schon Gründe, für die man so etwas schafft. Vor allem damals, in der 2. Republik, hat man gewusst, wozu man die Figur des Bundespräsidenten braucht in einer funktionierenden republikanischen Demokratie.

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Jetzt geht die Abwertung des Amts schon länger vor sich – das begann mit Spaßkandidaten wie Lugner&Co, die ja so wie jetzt von den Voraussetzungen her nicht wirklich geeignet waren, das Amt auszufüllen, sollten sie es jemals bekommen. […] Woran liegt das?

„Es sind immer mehr moderne Ökonomie-Fritzen aufgetaucht…“

Für mich hat das mit dem Paradigmenwechsel in den 80ern mit Waldheim begonnen. In dem Moment, wo die Gesellschaft aufgehört hat, eine funktionierende Sozialpartnerschaft zu haben. Ab da sind immer mehr moderne Ökonomie-Fritzen aufgetaucht – Banker als Bundeskanzler, Vranitzky, dann Klima… da war’s für mich als Sozialdemokrat sehr bedenklich. Da würde Rosa von Luxemburg im Grab rotieren. Da war das Primat der Ökonomie stärker als das Primat des Menschlichen. Das ist für mich vom Gespür her ein Moment, wo das ganze begann zu kippen.

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Als nächstes kam dann eine Art Spaßgesellschaft, wo nichts mehr Bedeutung hat außer der Oberfläche. Wo die Politik zum Theater verkommen ist, das heißt die haben Redenschreiber gehabt, Schauspiellehrer, Dresscodes… wo – überspitzt gesagt – die Goebbel’sche Propagandamaschine im modernen Kleid wieder dahergekommen ist. Wo man einfach weiß, dass man mit modernen Verkaufsmethoden alles verkaufen kann.

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„Nicht Banken sind systemrelevant, sondern die arbeitende Bevölkerung!“

Wo dieser Konsens herrschte, dass Banken systemrelevant sind – aber die arbeitende Bevölkerung ist systemrelevant! Ohne die gibt es das System nicht. Wenn man einem abstrakten Geldinstitut eine systemerhaltende Funktion zuschreibt, wo eigentlich eine unheimliche kriminelle Energie zusammenkommt… das geht alles Hand in Hand. […] Dabei wüssten wir alles, es müsste keinen Hunger, eine Armut geben auf der Welt. Nur: Es wird von den Mächtigen nicht angewendet, sonst wären sie nicht mehr mächtig. Das zieht sich durch alle Bereiche, das ist wie eine schwere Infektion, die die ganze Menschheit erfasst. Die großen Konzerne haben es ja viel leichter, sich durchzusetzen.

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Wobei in diesem Bereich ja gerade das Pendel recht stark in die Gegenrichtung ausgeschlagen hat…

…aber es sitzen ja wieder dieselben Leute, die uns die Misere beschert haben, am Ruder. […] Rein geschichtlich betrachtet bereinigen sich die Dinge immer erst nach großen Katastrophen. Es ist also nichts Gutes zu erwarten – außer von jungen Leuten, denen es über Vernetzung langfristig gelingt, diese verkrusteten Systeme zu ändern. Das ist die Hoffnung. Das Gesetz des Darwin sagt ja nicht, dass sich der Stärkere durchsetzt, sondern der, der sich am ehesten bereit ist, sich zu verändern. Daher sind jene, die sich immer wieder mit dem Wind drehen, die erfolgreichsten, was auch wieder grauslich ist, weil die eigentlich keine Haltung haben.

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„Haider hat ein ganzes Bundesland in Geiselhaft genommen und in ein ökonomisches Desaster geführt!“

Man sieht’s an Haider. Er war einfach ein sehr talentierter Politiker. Wenn er Macht bekommen hätte, in dem er links ist, wäre er links gewesen. Im patriarchalen Kapitalismus gibt es eine Art von Verhalten, die mir den Erfolg garantiert. Der hatte einfach keine Moral, keine Haltung, Kein Rückgrat – die Leute sind erfolgreich. Er war Landeshauptmann und wäre es noch immer! Er hat die österreichische Politik sehr verändert. Er hat ein ganzes Bundesland in Geiselhaft genommen und in ein ökonomisches Desaster geführt. Er hat einfach auch die Österreicher in Geiselhaft genommen. Er hat die FPÖ möglich gemacht, er hat das Niveau völlig zerstört, die politische Substanz…

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Aber jetzt gibt es ja Bewegungen wie „Das neue Kärnten“, ein alternativer Landeshauptmann wird gewählt – die zeigen, es gibt ein anderes Kärnten, da tut sich was, und es sind nicht mehr alle zufrieden mit den ewigen blau-rot-schwarzen Machtspielen […].

Wie in Ungarn jetzt. Es ist ein Dilemma, dass die Sozialdemokraten so versagen. Bei den Rechten weiß man, dass sie nur den Profit als Ideologie haben, darum gelten sie immer als wirtschaftlich kompetenter. Die Linken haben da ihre Positionen. Wenn sie die alle verraten, dann ist es wirklich verheerender als bei den Rechten. Von denen erwartet man sich so etwas wie ein humanistisches Ideal oder soziale Kompetenz, das ist das Dilemma der Linken.

„Vielleicht bekommt Fischer jetzt den Rest Mut zusammen… Man würde sich erwarten, dass er mal auf den Tisch haut.“

Jetzt würde man sich das ja auch von einem Bundespräsident Fischer erwarten, der das sicher auch persönlich lebt und hat. Er bezieht aber selten Stellung – wenn man an die Ortstafeln oder das Bleiberecht, die zahlreichen Verschärfungen der humanitären Aufenthaltsgesetze geht. Ist das alles sein Bestreben um die Mitte…?

Er kann ja kein drittes Mal gewählt werden. Vielleicht bekommt er jetzt den Rest Mut zusammen, der ihm bisher gefehlt hat. Was kann ihm noch passieren, was will er noch werden? Papst kann er ja nicht werden … Man würde sich doch jetzt von ihm erwarten, dass er einmal auf den Tisch haut und sagt „so geht des net“. Nur: Man sieht ja jetzt, wie die Medien mit Strache umgehen und sich total freuen, wenn er einen Skandal hochspielt, wo sogar die ÖVP mitmacht im Zusammenhang mit dieser Doku im Fernsehen. Wenn Fischer hier Position bezieht, wird aus allen Rohren auf ihn geschossen.

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„Die ÖVP ist ultra-rechts, austrofaschistisch durchgesoakt“

Das Problem ist auch, dass die ÖVP so rechts ist. Die ist nicht nur rechts, sondern ultra-rechts, austrofaschistisch durchgesoakt, richtig triefend, hält natürlich Graf, die SPÖ hat auch mitgespielt, aber die ÖVP ist noch viel heftiger, sie hätten zumindest das Gesetz mitbeschließen können, um ihn abwählbar zu machen, und jetzt stärken sie dem Strache im ORF den Rücken. Fürchterlich! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Es könnten doch Teile der ÖVP inzwischen stärker sein.

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„Ich habe das von Klein auf nicht verstanden, dass nach dieser Tragödie des Zweiten Weltkriegs die Menschen noch immer der Meinung waren, Hitler wäre eigentlich gut gewesen“

Das war ja die große Hoffnung, die auf Josef Pröll geruht ist. Er hat ja diese Perspektivengruppe geleitet und dort viele Dinge angedacht, die dort für ziemliche Verstörung gesorgt haben – wenn auch nur dort.

Die ÖVP ist ja eine wirkliche Bauernpartei. Es gibt aufgrund der Modernisierung in den Menschen eine Sehnsucht nach Tradition. Es ist wirklich nur ganz wenigen Menschen möglich, so schnell zu sein. Es sind wahnsinnige Ängste da, durch das was sich permanent verändert. Ich glaube, dass sehr viel unbewusstes Potenzial vorhanden ist, warum man emotional so agiert wie die ÖVP agiert. Sie ist nicht die Bewahrerin großer Werte, aber das verspricht sie zumindest den Leuten, im Dirndl und Steireranzug – ich weiß ja, was sich am Land abspielt, wo sie mit ihren Zweit- und Drittfrauen neben der Erstfrau in der ersten Reihe der Kirche sitzen. Ich kenne die ganzen Spielchen, auch die Nazi-Hinterzimmerparolen und –lieder, ich bin ja am Land aufgewachsen. Ich habe das von Klein auf nicht verstanden, dass nach dieser Tragödie des Zweiten Weltkriegs die Menschen noch immer der Meinung waren, Hitler wäre eigentlich gut gewesen, er hätte nur die falschen Berater gehabt. Oder diese ganze Dollfuß-Ständestaat-Notalgie. Die verbinden damit eben diese Hans-Moser-Geschichte eines gemütlichen, abgeschlossenen Förster-von-Silberwald-Österreich, wo man in den 50ern die ganze 30er-Jahre-Ästhetik wieder aktiviert hat. Das war kein modernes Flair in der Kunst. Der erfolgreichste Film war der „Förster vom Silberwald“ in den 50ern, wo man die Gegenwart völlig ausgeblendet hat mit dem Blick auf die heile Zeit VOR Hitler – das war ein „kleiner Ausrutscher“. Eigentlich ist das schönste eine Wachauer Tracht und wir singen schön, Trapp-Familien-Lieder und gehen auf die Berge und trinken das frische österreichische Wasser und lassen ja keinen rein, außer er bringt viel Geld und geht bald wieder.

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Auch hier war Fischer ja nicht wahnsinnig engagiert auf der EU-Ebene, er macht die EU nicht zum Thema, er bringt sie den Leuten nicht näher – du lebst es eigentlich nicht.

Der Fischer hat das ja nie gelebt. Wenn man ihn kennt, und ich kenne ihn von früher, dann war er – und das ist ein idealer Bundespräsident – immer ein sehr großer Kompromissmensch. Kompromisse müssen geschlossen werden, das ist klar. Er hatte immer einen sehr guten Instinkt für den Hauptkompromiss. Fischer bewegt sich eigentlich sehr in der rechten Mitte, nicht der linken. Er ist im Grund genommen ein Vertreter dieser 65% eher wertkonservativen Untertanen-Österreicher. Den Instinkt hat er.

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„Das Reich des Herrn Dichand ist die Wirklichkeit!“

Warum er eigentlich vom Geruch her bei den 45% ist: Du kannst gegen diese Bevölkerung mit keiner noch so modernen Theorie an. […] Das Reich des Herrn Dichand mit seiner Mehrheit der Mitte-Rechts-Österreicher: das ist die Wirklichkeit! Was natürlich für junge Menschen, die mehr wollen, eine Katastrophe ist, weil es ein Hemmschuh ist – für jeden von uns, für die Bildung, für die Sozialpolitik, für die Ökonomie, für alles – weil sie gegen diese Bewegung der Geschichte ist. Wenn man sich überlegt, wie wenig die Jugend da ist – und was das wieder für eine Jugend ist!

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„Absurdität ist der Inhalt der Politik – aber kein zukunftsträchtiges Programm“

Da muss ich ein bisschen widersprechen. Mir fällt auf, seit ich da engagiert bin, wie viel da wäre – nur, das findet alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit und noch schlimmer unter Ausschluss der Parteien statt. Die Jugendorganisationen der Parteien sind Verdummungsorganisation, die diese Leute so auf Parteikurs bringen, dass im Endeffekt eine Laura Rudas rauskommt […]

Vor allem, die SPÖ weiß das nicht! Wenn ich einem junge Menschen sag, was hältst du von der Jugend, dann schlagen die die Hände über dem Kopf zusammen – und die SPÖ glaubt, das ist die Vertreterin des Jungseins. Sie haben solche Scheuklappen, sie haben einfach keine offene Politik und wenn sie so weitertun wird es sie plötzlich gar nicht mehr geben. Absurdität ist der Inhalt der Politik, aber kein zukunftsträchtiges Programm!
[…]

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Vielen Dank für das Interview!