Am Sonntag, 18. April 2010 fand auf ATV um 20:15 der bisherige Höhepunkt der Bundespräsidenten-Diskussionen im TV statt: Heinz Fischer stellte sich in der ATV-Sendung „Meine Wahl“ einer Gruppe von Nichtwählern zur Konfrontation. Es war eine innovative und lebendige Sendung – eine Erfrischung im österreichischen Polit-Fernsehen.

neuwal war mit Dominik Leitner, Thomas Knapp, mir und jede Menge anderer Blogger und Journalisten LIVE vor Ort. Hier eine special Insights.

Im Jänner 2010 begann die Planung zur ATV-Sendung. Sendungsleiter Martin Thür und das Team um ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker saßen damals zusammen und überlegten sich Ideen, welches Sendungsformat bei der bundesweiten Präsidentschaftswahl zum Einsatz komme.

Das Team entschied sich für den Einsatz einer Fokusgruppe, die mit einem Perception-Analyser Aussagen von Heinz Fischer Sekunde für Sekunde und Wort für Wort analysierten.

Im Anschluß an die Sendung genoß ich die äußerst positive Begeisterung von Martin Thür und Meinungsforscher Peter Hajek und konnte nicht hinweg, sie zu einigen Themen zu befragen.

Wir haben mit Martin Thür, dem Sendungsverantwortlichen gesprochen. Er erklärte uns, wieso sich das Team für dieses Format entschieden hat, was es mit der Fokusgruppe auf sich hatte, warum Die Grünen und das BZÖ nicht abgefragt wurden und wie er zur Integration von Facebook und Twitter steht.

» neuwal Interview mit Martin Thür

Mit Peter Hajek haben wir uns über neue Methoden in der Meinungsforschung unterhalten. Peter Hayek verrät uns, warum Perception-Analyse auch im Business-Bereich interessant ist, wieso Heinz Fischer triumphierte und wieso Web 2.0 eines der interessantesten Bereiche für Meinungsforscher ist.

» neuwal Interview mit Meinungsforscher Peter Hajek

» Einige weitere Bilder von ATV-Meine Wahl

neuwal im Gespräch mit Peter Hajek

Dieter Zirnig (neuwal): Was wollten sie mit dem Perception-Analyzer aus Sicht der Meinungsforschung erreichen?

Peter Hajek: Wir wollten mit einer Fokusgruppe Stimmungen messen: Kommen Themen an oder nicht. Es ist sensationell, dass man Stimmungen auf eigene Worte herunterbrechen kann.

Bei der Generalprobe hatten wir ein tolles Thema. Die Heinz-Fischer-Kopie sagte bespielsweise „mit der vollen Härte des Gesetzes“. Die Fokusgruppe der Männer ist mit einer unglaublichen Zustimmung hinaufgeschossen.

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Mit dem Perception-Analyzer lassen sich also Stimmungen visualisieren…

Ja. Man kann hier Stimmungen in kleinsten Sequenzen auf einzelne Worte herunterbrechen. Und das ist ein tolles Tool.

Einerseits kann man globale Themen beschreiben. Auf der anderen Seite ist es möglich, dass man Reden von Politikern oder Geschäftsführern bei den einzelnen Worten so austariert, dass diese wahrscheinlich gut ankommt.

Ein Beispiel: In den USA ist es derzeit so, dass Banks derzeit überhaupt nicht so gut, jedoch Credit Union irrsinnig gut ankommt. Und jeder spricht von Credit Union. Und dazu ist dieses Tool einfach sensationell.

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Wie haben sie den heutigen Abend erlebt und wie lautet ihre Analyse?

Man muß sagen, Heinz Fischer hat das wirklich großartig gemacht. Er ist ein politischer Vollprofi. Er hat kaum polarisiert und hat die Wähler sehr gut eingefangen. Es hat nur drei Themen gegeben, wo es Unterscheidungen gegeben hat:

  • Das Thema rund ums Minarett
  • Religionsgemeinschaften
  • Barbara Rosenkranz

Und das waren die einzigen Unterscheidungen bei einem knapp 90-minütigem Interview. Heinz Fischer hat das unglaublich gut gemacht.

Das Thema Arigona hat er ebenso gut gemacht, dass sogar die freiheitlichen Wähler auf einer neutralen Position geblieben sind. Wir haben heute einen politischen Profi gesehen.

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Was ist das Resultat dieser Sendung – ist die Zielsetzung aufgegangen?

Wir haben 30 Nichtwähler in der Fokusgruppe gehabt. Zwei davon haben aufgezeigt, dass sie sicherlich wählen gehen werden, einige haben sich der Stimme enthalten. Das heißt, dass sie in dieser Situation nicht mehr ganz sicher waren.

Heinz Fischer hat zumindestens ein paar Leute zum Nachdenken angeregt. Das ist bei einem kurzen Abend eigentlich eine sehr gute Leistung.

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Welche innovativen Instrumente zur Meinungsforschung gibt es noch und welche Rolle spielen dabei Social Media?

Die Perception-Analyse ist in den USA eigentlich schon eine sehr alte. ATV hat das nun nach Österreich und nach Europa gebracht. Wenn man sich vorstellt, dass in Großbritannien im Wahlkampf derzeit überhaupt zum ersten Mal Diskussionen im TV stattfinden, dann ist Österreich ein Vorreiter.

Das große Thema in der Meinungsforsching ist allerdings Web 2.0. Dabei fischen wir allerdings noch etwas im Trüben. Einerseits stellen die Menschen sehr viele Informationen von sich ins Netz – aus Sicht der Meinungsforschung ist das jedoch eine sehr passive Art.

Dieses aktive Frage- und Antwort-Spiel ins Web zu bringen ist die große Herausforderung. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, Fokusgruppen Online durchzuführen.

Das kann noch nicht Weisheits letzter Schluss sein, es ist unglaublich spannend und wir wissen derzeit noch nicht, wohin die Reise eigentlich gehen wird.

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neuwal im Gespräch mit Martin Thür

Dieter Zirnig (neuwal): Welche Motivationen stecken hinter der ATV-Sendung „Meine Wahl“?

Martin Thür (ATV): Wir wollten den Menschen erklären, was das wichtige und entscheidende bei dieser Wahl ist. Unser Zugang bei „Meine Wahl“ ist, dass die Wähler in Österreich merken, dass sie zumindestens ansatzweise Mitspracherecht haben. Das heißt, nicht nur beim Wahlkampf ein Kreuz zu setzen, sondern auch vorher aktiv eingreifen zu können.

Wir versuchen unsere Sendungen immer mit unterschiedlichen Mitteln herzustellen. In diesem Fall wußten wir, dass Heinz Fischer auf keine klassische Konfrontation eingehen wird. Daher haben wir uns ein anderes Spannungsmoment überlegt.

Wir sind dabei auf die Nichtwähler gestoßen und haben entschieden, dass wir Heinz Fischen mit Nichtwählern konfrontieren.

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Und dann war da noch der Perception-Analyzer?

Ja. Dann ist uns die Idee mit dem Perception-Analyzer von CNN gekommen. Wir holten unseren Meinungsforscher Peter Hajek an Board und er meinte „Das wollte er immer schon machen“.

Danach haben die Firma Dailsmith angeschrieben und uns uns erkundigt, ob wir dieses Konzept nach Österreich bringen können. Das Unternehmen Dailsmith hat sich darüber gefreut.

Dann haben wir dieses Paket geschnürt: Heinz Fischer tritt gegen Nichtwähler an und wir messen das mit dem Perception-Analyzer.

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Wie sind die Erfahrungen mit dem Perception-Analyzer?

Es war spannend zu sehen, wie Sekunde für Sekunde jeder Satz analysiert wurde. Innerhalb von 10 Sekunden ist die ganze Meinung geschwenkt: Bei der EU-Verfassung ganz oben und Sekunden danach wieder unten.

Dailsmith hat top-professionel gearbeitet und die Idee wurde sehr gut umgesetzt.

Wie ist es euch mit der Fokusgruppe gegangen?

Ein weiterer Punkt war die Fokusgruppe. Wir haben soetwas zuvor nicht gemacht und wußten nicht, ob alle kommen, ob das mit der Zusammensetzung funktioniert und ob alles fair verteilt ist.

Heute Abend war es dann wie am Reißbrett und die Fokusgruppe war sehr ausgewogen: jeweils 10 SPÖ-, ÖVP- und FPÖ-Anhänger, 15 über und 15 unter 35 Jahre, 15 weibliche und 15 männliche.

Ich freue mich, dass alles aufgegangen ist.

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Wieso habt ihr euch für die drei Parteien entschieden – was ist mit den Grünen und dem BZÖ?

Das war eine ganz einfache Überlegung – die Frage war: Wieviele Graphen zeigen wir hier an?

Eines der Feedbacks von CNN und Dialsmith war, je weniger Graphen umso besser. Da sich die Grünwähler nach einer Analyse von Peter Hajek in der Frage der Bundespräsidentschaft nicht von den SPÖ-Wähler unterscheiden (Grünwähler sind durchaus noch Heinz-Fischer-Freundlicher) haben wir gesagt, dass wir die zwei kleineren Parteien BZÖ und Die Grünen jeweils zu FPÖ bzw. SPÖ nehmen. Es ging uns darum, die wichtigen politischen Lager Links – Mitte – Rechts abzubilden.

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Gab es neben der Fokusgruppe noch ein weiteres Risiko bei der Sendung?

ATV ist ein kleiner Sender. Wir wollen es immer besser machen als beim letzten Mal. Und drittens ist es eine politische Diskussion, bei der wenig planbar, dafür die Vorbereitung doppelt so groß ist.

Es schwingt immer ein gewisses Risiko mit: Was ist, wenn Heinz Fischer nicht rechtzeitig vom Staatsbegräbnis in Polen retour kommt. Wir haben daher noch schnell einen Satelittenwagen zum Flughafen gestellt.

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Die Integration von Facebook und Twitter gehört bei ATV schon zum Alltag. Wie sind Eure Erfahrungen damit?

Ich finde es lustig, da ich diese Integration gar nicht so neu finde. Ich finde es selbstverständlich. Vor vielen Jahren forderte man beispielsweise während einer TV-Show Zuseher auf die Klospülung zu betätigen. Dann wurde am Wasserstand erkannt, wieviele Leute zusehen.

Im Fernsehen hat man gerne Rückmeldung von Leuten. Die Leute kommunizieren mit uns und das geht am einfachsten mit Facebook und Twitter.