Bei neuwal informieren wir so aktuell und ausführlich wie möglich über sämtlich aktuellen Wahlumfragen. Wir sammeln dabei alle Ergebnisse und vergleichen sie untereinander. Wir gewinnen dadurch interessante Einblicke und freuen uns über das große Interesse unserer Leser daran.

Was nun hinter einer Sonntagsfrage steckt, wie sie den derzeitigen Wahlkampf sieht, welche Möglichkeiten es für zukünftige Wahlumfragen gibt und ob Facebook und Twitter eine Rolle dabei spielen beschreibt uns Dr. Sophie Karmasin im folgenden interessanten Gespräch.

Dr. Sophie Karmasin ist Geschäftsführerin von Karmasin Motviforschung und führt im Bereich Politik und Wahlen u.a. in regelmäßigen Abständen Umfragen zu Wahlen für das Wochenmagazin profil durch.

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Interview mit Sophie Karmasin zur Nationalratswahl 200

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Dieter Zirnig (neuwal): Was ist das interessante an Wahlumfragen und wieso üben diese  so einen besonderen Reiz aus?

Dr. Sophie Karmasin (Karmasin Motivforschung): Über Wahlumfragen sieht man sehr schnell ein Stimmungsbild zu den unterschiedlichen Parteien. Für Leser ist es daher sehr interessant sich zu orientieren: „Bin ich mit meiner Meinung zu einem politischen Geschehen alleine oder teilt das der Rest der Bevölkerung?“

Es hat viele Seiten: Es hat etwas spannendes von einem Fussballmatch: „Wie geht es jetzt aus?“.

Wie laufen bei ihnen die Wahlumfragen ab – was steckt dahinter?

Beim Umfragen gibt es unterschiedliche Methoden. Die meisten Wahlumfragen führen wir telefonisch durch und befragen dazu Leute von 16 Jahren aufwärts. Dabei werden die klassischen Fragen gestellt: Sonntagsfrage und Kanzlerfrage.

Was ist nun diese Sonntagsfrage?

Die Sonntagsfrage ist der Begriff der eigentlichen Fragestellung: „Stellen sie sich vor, nächsten Sonntag sind Wahlen. Wen würden sie wählen?“

Wo liegen die großen Herausforderungen bei Wahlumfragen und der Sonntagsfrage?

Die größte Herausforderung bei Wahlumfragen ist jene, dass die Umfrage mit der Realität übereinstimmt.  Wir haben es hier mit einer Momentaufnahme zu tun, die immer in der Vorstellung des Befragten liegt.

Wenn ich der Person die „angenommene Wahl am Sonntag“ telefonisch suggeriere, dann ist das eine komplett andere Situation als wenn tatsächlich gewählt wird.

Aus vielen Studien wissen wir, dass abseits von Wahlen nur rund 50 % in Österreich der Meinung sind, dass Menschen einen guten Überblick über Innenpolitik haben. Der Informationsstand, die Aufmerksamkeit und das Interesse an Politik ist vor einer Wahl natürlich um vieles höher.

Gerade die Sonntagsfrage zwischen zwei Wahlen ist schwierig: Einerseits ist nur die Hälfte der Bevölkerung daran interessiert und dann stellt sich die Frage: „Was messe ich hier eigentlich?“

In welchen Abständen führen sie Wahlumfragen durch?

Wahlumfragen führen wir einmal im Monat fürs profil durch. Vor einer größeren Wahl, wie zb jetzt bei der Bundespräsidentenwahl wird es häufiger.

Unterschiedliche Meinungsinstitute – unterschiedliche Ergebnisse. Woran liegt das?

Meistens liegt es an der Schwankungsbreite.

Die meisten Wahlumfragen beinhalten Regierungsparteien bzw. größere Parteien. Wieso werden Wähler nicht öfter zu Kleinparteien befragt?

Das hängt meistens von der Stichprobengröße ab. Es ist so, dass bei Kleinparteien meistens geringere Prozentzahlen zu erwarten sind, die bei +/- 5 Prozent liegen.

Bei einer 500er Stichprobe wäre die Schwanungsbreite gleich ungefähr +/- 2-3 %. Das Ergebnis wäre dann sehr ungenau.

Die Aussagekraft für die Wahlprognose kleinerer Parteien ist damit ungleich schwieriger als für große.

Weiters hängt es auch von den Auftraggebern ab, welche Parteien ihn ganz besonders interessieren.

Werden derzeit Nichtwähler abgefragt? Ist dies eine relevante Größe?

Die publizierten Sonntagsfragen basieren auf denjenigen der Befragten, die zur Wahl gehen. Wir haben je nach Befragungswelle eine unterschiedliche Anzahl an nicht deklarierten Wählern.

In den Studien, die die Leser sehen, ist der Anteil dieser Nichtwähler gar nicht ausgewiesen. Ich glaube, dass dieser Wert zur Publikation auch nicht interessant ist.

Allerdings ist dieser Wert für Parteien und Politiker sehr interessant: Nehmen sie an, es machen mehr als 50 % der Befragten keine Angabe oder geben an, nicht wählen gehen zu wollen (es gibt immer unterschiedliche Motive darüber), dann ist das doch sehr aussagekräftig.

Wann treffen Wähler ihre Wahlentscheidung?

Nun, da gibt es unterschiedliche Zugänge.

  • Es gibt die klassischen Stammwähler: Die wissen genau wen sie wählen wollen und ändern ihr Verhalten auch nicht so schnell. Die Gruppe der Stammwähler wird allerdings immer kleiner.
  • Dann gibt es jene, die zumindestens ein paar Parteien in die engere Wahl nehmen: Sie vergleichen zB zwischen ÖVP und SPÖ und schauen im Wahlkampf, wie sich das entwickelt. Diese Gruppe trifft die Entscheidung dann zeitnah zur Wahl.
  • Die dritte Gruppe sagt: „Ich wähle diese Partei, weil die ist das geringste übel.“ Jene Gruppe entscheidet sich nicht positiv für eine Partei, sondern agiert nach dem Ausschlußkriterium.
Gibt es staatliche Regelungen zu den Umfragen? Wie lange vor den Wahlen darf man Umfragen publizieren?

So weit ich informiert bin gibt es keine gesetzlichen Regelungen dazu – es gibt ein freiwilliges Abkommen.

Es gibt allerdings ein Branchenabkommen, dass man kurz vor der Wahl keine Zahlen mehr publiziert. An dieses Abkommen halten sich allerdings nicht immer alle Medien.

Wie sehen sie den derzeitigen Wahlkampf?

Im Grunde ist die Bundespräsidentenwahl eine nicht sehr spannnende Wahl. Das ist das Kernthema und schlägt sich auch sehr stark im Wähleranteil nieder.

Bei der Wahlbeteiligung liegen wir derzeit bei 62 %, was natürlich keine berauschende Größe ist. Das liegt daran, dass so gut wie feststeht, wer gewinnt und wer verliert.

Der einzelne Wähler hat daher nicht das Gefühl, dass er etwas verändern kann.

Die Abstände zwischen Heinz Fischer und den anderen Kandidaten sind so groß, dass man nicht das Gefühl hat, man muß jetzt einem Kandidaten seine Stimme geben, damit er gewinnt.

Einmal angenommen: Ist es möglich, dass am Tag der Wahl ein kompletter Außenseiter die Wahlen gewinnt? Gibt es soetwas, dass sich Leute gerade am Wahltag denken „so, jetzt wähle ich anders?“

Überraschungen gab es immer schon.

In Bezug auf die Bundespräsidentenwahl, liegt Fischer bei 80 % und die anderen Kandidaten darunter. Dass sich dieses Ergebnis umdreht und bspw. ein Herr Gehring Bundespräsident wird, ist nicht erwartbar. Sotwas hat es noch nie gegeben.

Wir kennen die Sonntagsfrage und die Kanzlerfrage. welche Möglichkeiten gibt es noch bei Wahlumfragen und was sind ihre Wünsche als Medienforscherin in diesem Bereich? Wie sehen sie Facebook, Twitter als Stimmungsbarometer?

Die Umfragen, die derzeit publiziert werden sind sehr starr und simpel.
Das ist mein großer Ansatz- und Kritikpunkt.
Im Grunde gibt es derzeit nur die Sonntagsfrage und die Kanzlerfrage.
Im Besten Fall gibt es noch ein Ranking der Minister, das nach einer Dimension durchgeführt wird.

Wenn ich Wahlumfragen mit der Markenforschung vergleiche, dann wird bei der Markenforschung inhaltlich mehr abgefragt.

Es gibt so viele andere und zusätzliche Fragen, die wir neben der Sonntags- und Kanzlerfrage erheben könnten und die uns interesante Einblicke geben.

Ich stelle mir eine Reihe von anderen Möglichkeiten und Abfragen vor:

  • Wer interessiert sich für die einzelnen Parteien oder
  • Wie klar sind die Parteien und Kandidaten positioniert?
  • Weiters ist das Vertrauen den Parteien gegenüber interessant.

Wir können auch mehr in die qualitative klassische Forschung gehen.

Bis wir bei Facebook und Twitter sind, finde ich, dass wir uns für eine mehr differenzierte Abfrage im quantitativen und qualitativen Bereich bewegen können. Hier ist es noch recht traditionell.

Vielen Dank für das Gespräch, Fr. Karmasin!
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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.