Gestern Abend wurde der schon in vielen Medien rezensierte Film „Bock for President“ im Cinema Paradiso in St. Pölten gezeigt, und ich habe es mir nicht nehmen lassen, diese Chance zu nützen. Ute Bock ist für mich schon seit einigen Jahren ein Begriff, durch das in der Nähe meines Heimatortes stattfindende, und glücklicherweise stets wachsende Benefiz-Festival „Bock Ma’s“ wurde ich mehr und mehr mit der Materie vertraut und habe dort schon einmal einer Diskussionsrunde mit Frau Bock höchstpersönlich beiwohnen können.

Ute Bock for president (C) by Ute Bock

Die Gebrüder Allahyari begleiten Frau Bock auf ihrem täglichen Arbeitsweg. Und der beginnt bei ihrem Verzicht auf jedweden Luxus. Sie schläft, selten aber doch, in einem vollgeräumten Zimmer auf einem kleinen Bett im gleichen Gebäude wie ihr Verein. Damit sie sich unnötigen Weg quer durch Wien erspart und immer und schnell da sein kann, wenn sie gebraucht wird.

Ihr Arbeitstag beginnt normalerweise zwischen 7 und 8 Uhr und endet, so wie sie sagt zwischen zwei und drei Uhr. Meist höre sie „schon“ um 2 Uhr auf, liest sich noch die Zeitungen durch, ärgert sich und geht dann ins Bett. Ihre Geschichte fing aber schon viel früher an. Jahrzehntelang arbeitete sie als Erzieherin für die Gemeinde Wien. Irgendwann in den 90er Jahren begann dann ihre Geschichte mit den „Ausländern“, wie sie stets immer zu ihren Klienten sagt. Das Jugendamt begann damals, Kinder aus Gastarbeiterfamilien und später auch Flüchtlingskinder zu Ute Bock in ihr Heim in der Zohmanngasse zu schicken.

1999 wurden bei einer Razzia mehr als 30 afrikanische Jugendliche wegen Drogenhandels festgenommen, und auch gegen Frau Bock wurde wegen des Vorwurfs der Bandenbildung angezeigt und schließlich auch vom Dienst suspendiert. Die Anzeige wurde fallen gelassen, die Suspendierung aufgehoben, jedoch verbot man ihr, afrikanische AsylwerberInnen aufzunehmen. Und das war der Anstoß zur Gründung ihres Vereins.

Der Film zeigt sie bei ihrer täglichen Arbeit. Sie versteht stets die Sorgen der AsylwerberInnen, lässt sich aber nur ungern aus der Konzentration bringen und kann auch schon mal etwas lauter werden. Was sie aber stets begleitet, ist ihr großartiger Humor. Kaum vorzustellen, dass eine Frau, die so viel Leid und Elend tagtäglich sehen muss, und es zu ihrer schwierigen Lebensaufgabe gemacht hat, dieses Elend zu beseitigen, immer noch so humorvoll und mit einem Lächeln durch die Welt gehen kann.

Manchmal sieht man auch ihre Verzweiflung an: Zum Beispiel, wenn sie spät nachts noch Unterkunft für zwei Flüchtlingsfamilien mit je zwei hochschwangeren Frauen, die ansonsten auf der Straße leben müssten. Und man hört ihren Frust, wenn das „soziale“ Wien eben für solche Fälle einfach keinen Platz hat. Die Häuser sind voll. Die Obdachlosenheime haben Wartelisten mit bis zu 15 Familien.

Frau Bock hat um sich ein Netzwerk aus unzähligen freiwilligen Helfern und Unterstützern gesammelt, finanziert sich rein durch Spenden. Und fragt sich aber trotzdem stets, warum all die Fortschritte die nach und nach erreicht wurden, auch durch ihre Mitarbeit, von der Politik stets wieder zerstört werden. Warum Kinder von Asylwerbern keine Ausbildung erhalten, warum Asylwerber selbst nicht arbeiten dürfen. Ute Bock tritt in ihrem Alter von 68 Jahren immer noch vehement für viel mehr Menschlichkeit ein und erhofft mit ihrer Arbeit, trotz aller Rückschläge, immer noch, dass sich in unserer Gesellschaft endlich etwas ändert.

Der Film hat mich natürlich zum Denken angeregt. Dieser Frau begeistert mich jedes Mal wieder und es ist für mich unbegreiflich, wo diese – nun doch schon in einem gewissen hohen Alter – ihre unbändige Energie herbekommt. Warum „Bock for President“? Ist das nun wirklich als Kampfansage gegen alle Bundespräsidentschaftskandidaten zu sehen? Wohl kaum, feierte der Film doch schon letzten Herbst Premiere.

Vielmehr soll er vielleicht den Wunschtraum aufrecht erhalten, dass in die Politik dieser kleine Funken Menschlichkeit zurückkehren könne. Dass man Ausländer, Immigranten, Asylanten nicht einfach stigmatisieren soll, nur um die von Massenmedien aufgebauten Ängsten zu nähren. Vielleicht sollte der Film auch dazu anregen, ein kleines bisschen globaler zu denken; den Egoismus einzuschränken. Menschen wie Frau Bock wären großartig für die Politik, aber diese Frau selbst würde das wohl nie tun. Denn so wie sie sich gibt, wird sie sich wohl Zeit ihres Lebens nicht von ihrem Projekt, ihrem Verein trennen können.

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Der Film ist aktuell noch regelmäßig im Stadtkino (Schwarzenbergplatz 7-8, 1030 Wien) und bei vereinzelten speziellen Kinoabenden zu sehen. Und wer Informationen über eine mögliche DVD des Films sichern will, sollte sich hier eintragen.

Bilder: http://www.bockforpresident.at

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