„Österreich ist kompliziert“ – eine spannende Analyse der Schwarz-Blauen Machtübernahme, die Hintergründe der Kampfkuschler-Koalition – und warum Reinhart Gauggs Herz links schlägt. Ein Interview mit Frederick Baker, mehrfach ausgezeichneter BBC und ORF-Journalist.

Fred Baker, (C) www.mediaeurope.com

Hallo Frederick, danke fürs Kommen. Was war deine Motivation, jetzt wieder ein politisches Thema zu machen, diesen Film zu drehen, nach drei doch recht anderen Dokumentationen. Es ist ja schon dein zweiter Film über Haider?

Ja, es ist der zweite Film zur Haider-Thematik – der erste war „Die Haider Show“ im Jahr 2000, 45 Minuten für die BBC. Eine Erklärung, wie er auf 27 Prozent gekommen ist, wo die wahren Gefahren waren und wo das Ausland auch Gespenster gesehen hat. Schwarz-Blau hat mir die Chance für „Die Haider Show“ gegeben – das ist meines Wissens der einzige Film, den ich für die BBC gemacht habe und den der ORF nicht gekauft hat.

Hat der ORF „Widerstand in Haiderland“ gekauft?

Nein, nein. Vielleicht werden sie’s jetzt kaufen. Es gibt eine Fassung, wo die Kulturteile zu sehen sind. Das lief dann im Kulturmontag, um fair zu sein. Aber das ist nicht der volle Film, da ist Kärnten nicht drin, das ist einfach nicht die volle Analyse. Der ORF ist heute in einer zwiespältigen Situation.

Zurück zu meiner Motivation. Ich wusste ganz nüchtern und aus journalistischer Sicht, dass diese Demonstrationsform des Wanderns neu war – das ist etwas besonderes, Österreichisches geworden. Und das Zweite ist natürlich: Ich glaube, das gehört ins Guinnessbuch der Rekorde – ich kenne kein Beispiel, wo so lange und so regelmäßig demonstriert worden ist!

Das Interessante ist auch, dass dieser Film die einzige Zusammenfassung ist, und auch das Einzige, was jetzt läuft. Niemand anderer hat sich an diesen Jahrestag gewagt oder wollte das. Irgendwie ist das ein bisschen strange!

Ich glaube, es wurde die ganze Sache ziemlich verdrängt. Die Wende ist nicht mehr besonders präsent…

Die Realpolitik ist eine Koalition, die „kampfkuschelt“ … und in diesem Kampfkuscheln stecken all diese Emotionen, wo SPÖ und ÖVP genau auf der jeweils anderen Seite waren und ein ganz persönlicherVerrat und diese Gefühle da waren. Ich hab’s nicht gesehen, aber ich habe gehört vom „Club 2“, und da waren natürlich die Anbrüllereien und Schreiereien sofort wieder da.

Das heißt, die Oberfläche ist Ruhe und Kuscheln und darunter brodelt es sozusagen…

Ja, aber ich glaube, es geht auch um den „Kampf um die Stadt“ – die Ausstellung läuft hier noch im Wien Museum. Die Wiener Wandertage waren ein neues Aufkochen waren von Konflikten, die schon 1930 da waren. Das ist verheerend eigentlich, wie ähnlich das war – einfach von den Positionen und den Klischees. Ich will das nicht werten, ich sage nur: Diese zwei Lager!

Dieses Land, das in zwei oder drei Teile zerrissen ist – und war. Das ist eine politische Geologie, es gibt ein Tal, das ist Granit, das andere ist Kalk, und das dritte ist Schiefer – da ist die Vegetation einfach entsprechend. Hier in Österreich gibt’s gewisse geologische Umstände, es ändert sich nur ganz ganz langsam etwas.

Das bringt uns zu einer spannenden Frage – was würde passieren, wenn es wieder zu so einer Art „Wenderegierung“ kommt…

Ich bin sehr skeptisch, was den Begriff „Wende“ betrifft – da muss man wirklich aufpassen. Wenn man Andreas Khols Buch liest und mit ihm spricht wird ganz klar: Er will dieses Wort mit all seinen positiven Konnotationen von der BRD-DDR-Wende. Machtwechsel, Regierungswechsel, irgend etwas anderes – von mir aus Tabubruch – ist näher an der Sache als Wende. Vorher war zum Beispiel die Ausländerpolitik Löschnaks, Schlögls und Strassers genau so. Da war keine Wende in ganz wesentlichen Punkten. Zweitens wollten Khol und Co diese positive Energie von der Wende von der DDR und BRD hereinholen, für sich gewissermaßen sagen, wir sind die ähnliche Wende hier. Und das ist es einfach nicht. DDR, das hat mit Kaltem Krieg zu tun, das sind Äpfel und Birnen. Deswegen bin ich sehr strikt mit dem Begriff, den akzeptiere ich nicht für diese Sache, weil das auch falsch ist.

Was wäre also, wenn wieder eine Regierung – egal, Rot-Blau, Schwarz-Blau – unter Einbindung der Rechten entstehen würde?

Wenn es jetzt wieder zu einem Tabubruch kommen würde, indemFPÖ oder BZÖ in einer Regierung sind, und nicht nur im Parlament, dann wäre es schwieriger, wieder diese Wut und Energie zusammen zu bekommen. Erstens, weil sich in Ungarn oder Italien gewissermaßen das Umfeld geändert hat. Der Kontext ist anders – es gibt einfach diesen europäischen Rechtsruck.

Zweitens würde man sagen: Wir haben das überlebt, und was haben die da machen können… es wird nicht so arg werden.

Drittens kam viel von der Wut im Jahr 2000 kam von diesem Wortbruch…

„Wenn wir Dritter werden, gehen wir in die Opposition“ …

…auch wie das gebrochen wurde. Wenn die ÖVP immer gesagt hätte, wir gehen mit beiden – wir kooperieren auch mit der FPÖ, dann wäre es „fair play“ gewesen, aber das war es nicht. Es gibt Leute, die sagen, die ganze Wut der Demobewegung war eine linke Wut – und das ist einfach nicht wahr! Zum Beispiel Frau Gesswein [ehemalige ÖVP-Wählerin, die in „Widerstand in Haiderland“ eine prominente Rolle bei den Antiregierungsdemos spielt, Anm.] zeigt das ja sehr schön, da waren frustrierte ÖVP-Wähler auch dabei. Das hat diesen Protesten im Jahr 2000 eine besondere Qualität gegeben, was schwierig zu wiederholen wäre… [lacht] Aber wer weiß, was die Politiker hier noch zusammenbringen!

Die andere Sache ist auch: Schüssel hatte damals überhaupt keinen Auftrag, eine Regierung zu bilden. Die haben’s einfach gemacht! Manche nennen es putschähnlich oder Revolution. Das heißt, die haben sich zusammen auf ein Packl g’haut, haben einen Deal gemacht, haben gesagt „wir haben eine Mehrheit“ und haben zum Präsidenten gesagt: „Basta. Du musst das akzeptieren!“. Da war schon eine Wende oder ein Tabubruch. Wer weiß, wie jetzt mit der Politik umgegangen würde.

Was wichtig ist – wir sind alle ein Teil der EU. Und die EU ist auch ein Garant für Demokratie. Wenn wir nicht in der EU wären, dann wär’s viel heikler. Das ist schon etwas Positives am Jahr 2000 – […] Österreich ist noch unter Beobachtung – aber natürlich sind alle Länder unter Beobachtung!

Das war ja auch ein bisschen das Problematische an den Demonstrationen, dass man sie leicht als „Linke Aktion gegen rechts“ einstufen konnte und sie damit entwertet hat.

[…] Da es so eine diffuse Masse war, war da keine gezielte Botschaft, es waren einzelne Botschaften. Ich glaube schon, dass die Audimax-Aktion zeigt, dass dieser Funke, dass man protestiert, irgendwie weitergegangen ist.

Wenn man die Leute anschaut aus der Demobewegung, die Courage gezeigt haben, Fleiß, Engagiertheit und Kreativität, ein Empfinden für Österreich. Keine einzige Person aus der Demobewegung, die ich kenne, ist irgendwo in einer Partei. Das heißt, all diese Kreativität und Erfahrung existiert nicht in den Parteien. Schau 1968 an, Joschka Fischer und die Grünen – die haben das aufgesogen, das Potenzial!

Das fällt ja interessanterweise zusammen mit einer Zeit, wo es links und rechts des politischen Spektrums Platz für neue Parteien gibt, laut diversen Umfragen 6-7 Prozent, den eine neue Partei erobern könnte… erwarten Sie da etwas, kommt eine Linkspartei, kommen die neuen Rechten?

Ich fände das Interessant, dass eine Linkspartei hier manche FPÖ-Wähler anziehen würde. Die FPÖ hat eine ganz starke linke Komponente, so wie Gaugg zum Beispiel, der sagt „Mein Herz schlägt links, ich komme von einer lupenreinen sozialdemokratischen Partei“. Die haben den „Robin Hood“ Haider gesehen und gewollt, und waren alle enttäuscht, weil er diese sozialen Themen fallengelassen hat. Für die ÖVP waren die noch immer zu links, die haben die Linken weggekriegt, also die SPÖ, und plötzlich haben sie die „Soziale Heimatpartei“ am Hals.

Du glaubst, dass das die FPÖ schwächen könnte, eine soziale Linkspartei?

Auch! Weil einfach so viel von der FPÖ nur Protest ist. Wenn du nur diese Dreiecksgeschichte hast… Aber ich glaube nicht, dass es hier wirklich funktionieren kann. In Deutschland ist es ja die DDR, da ist die Linke äußerst stark, das liegt an der Geschichte. Wenn da wirklich so viel Potenzial wäre, müssten die Kommunisten viel stärker sein hier.

Gestern habe ich Beppe Grillo gesehen in Wien – das ist natürlich ein Weg, wie man es machen kann! Seine Methode ist ganz ganz alt. Da steht ein Mann, und er erzählt mit Passion und Rhetorik. Es war unglaublich, ihm einfach zuzuschauen: Körperhaltung, Redewendungen, Geschwindigkeit – es ist, was die guten Prediger gemacht haben. Die alten Politiker – und Obama. Beppe Grillo hat frei von der Leber erzählt… Sein Blog ist der viertgrößte der Welt – ein kleiner, stämmiger Mann aus Genua – mit starkem Dialekt! Aber das macht ihn auch glaubwürdig.

Hier hätte Fritz Dinkhauser das machen können, aber er kam nie über seine Generation hinaus, nicht einmal in Ostösterreich. Es ist schon interessant: Merkatz, Krassnitzer, dann Alfred Dorfer, Ostbahn Kurti, Dolores Schmidinger… Die Politik am Heldenplatz ist von Schauspielern und Kabarettisten gemacht worden. Und alle diese Leute sind nicht im Parlament… Wer hier den Beppe Grillo machen könnte, das ist der Düringer!

Bei Beppe Grillo spürt man jemanden, der eine Vision hat, und der für diese auch eine Leidenschaft entwickelt. Und er liebt Internet, er liebt das Handy, er ist total Neue-Medien freundlich. Bei der Veranstaltung sagte er: „Früher war die Masse dumm, aber jetzt – mit den Handys…“ – dabei ist er in die Menge gegangen und hat sein iPhone rausgeholt – „… ist die Masse mächtig, weil sie vernetzt ist“! Das hat Grillo wirklich verstanden, er lebt das. Und dann sagt er „Vernetzen wir uns, bringen wir uns zusammen!“.

Das ist sehr spannend im Film, alle Seiten zu sehen…. das gibt dem Ganzen die Würze. Mir ist es wirklich kalt über den Rücken gelaufen, als Khol über die Großzügigkeit der Regierung gesprochen hat, nicht diese „Bannmeile“ im ersten Bezirk zu errichten… das ist einfach dramatisch, wie stark Österreich an der Kippe zum Polizeistaat gestanden ist nach einem – unter Anführungszeichen – normalen Regierungswechsel. In anderen Ländern wäre das ganz normal gewesen.

Jemanden von der ÖVP und der FPÖ im Film zu haben, war für mich eine Selbstverständichkeit. […] Ich war froh, diese Kompliziertheit zeigen zu können. Auch mit Khol: Er steht für seine Sache, ist ein klarer Konservativer, der seine Meinung vertritt. Er war dabei, er war dafür, in einer Demokratie ist das erlaubt. Ich finde, er war sehr offen in den Dingen, die er gesagt hat. In dieser Hinsicht hat er dem Film sehr geholfen. Da hat man spüren können, mit wem man’s zu tun hatte. Heute mehr als damals, damals gab’s PR… und jetzt hat er es glatt heraus gesagt…

Natürlich war es journalistisch auch interessant, das Interview im gleichen Raum zu sehen – also physisch im gleichen Raum, wo damals die Regierungsverhandlungen stattgefunden haben. Im Hintergrund ist der gleiche Tisch, an dem sie damals gesessen sind! Dieses Haus in Wien ist ein Ort österreichischer Geschichte. Aber einer, den man nicht kennt. Interessanterweise ist es 5 Minuten entfernt von Frau Gessweins Wohnung. [lacht] Da hat man wirklich Österreich im Kleinen!
Herzlichen Dank für das Gespräch, Frederick!

Es ist cool, dass es etwas wie euch gibt. So neue, brodelnde Formen, die offen, mit Fleiß und Herzblut gemacht sind.

Tipps: