Gegen die Brutalität der Macht: „Widerstand in Haiderland“  (neuwal.com)

Es ist ein buntgemischter Haufen, den BBC- und ORF-Journalist Frederick Baker im Filmcasino versammelt – vom betagten KPÖ-Widerstandskämpfer bis zur wütenden Jugend mit grüner Haut und rotem Haar. Sie alle vereint die Mitwirkung an Bakers neuestem Werk, „Widerstand in Haiderland“, das am Freitag in Wien Weltpremiere feierte. neuwal war dabei.

Moderiert wird die Premiere von Florian Klenk, Innenpolitik-Experte, gefeierter Aufdecker und Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Falter“ – vielfach ausgezeichnet, Journalist des Jahres 2005. Er spannt den inhaltlichen Bogen an diesem Abend, der weit über die heftigen Proteste des Jahres 2000 hinausgeht, von denen der Film vordergründig handelt. Mit beiden sind Interviews geplant.

Die Ausgangssituation lässt an Dramatik wenig vermissen – Österreich und die Europäische Union stehen unter Schock. Wahlverlierer Wolfgang Schüssel – knapp geschlagen von einem am Höhepunkt seiner Macht stehenden Jörg Haider (†) – wagt nach dem Scheitern der Koalitionsverhandlungen mit der ebenfalls geschwächten, aber führenden SPÖ unter Viktor Klima – ein politisches Hasardspiel.

Das Kabinett „Schwarz-Blau I“ löste so heftige Proteste aus, dass die Regierung unterirdisch zur Angelobung schreiten musste. „Wochenlang hörten wir die Parolen der Demonstranten, auch während der Regierungssitzungen“, so Andreas Khol (ÖVP), in dessen privatem Wohnzimmer die Zusammenarbeit besiegelt worden war. 300.000 Menschen strömten am Höhepunkt der Proteste auf den Heldenplatz – die Bilder beeindrucken noch heute. Mit den Donnerstagsdemos wurden die Aktionen lange fortgesetzt – es sollte Monate dauern, bis der Protest abebbt.

Auch auf europäischer Ebene brennen einige Sicherungen durch – die EU beschließt erst- und letztmalig politische Sanktionen gegen ein Mitgliedsland. Zahlreiche Länder haben Angst vor einem Erstarken der extremen Rechten, einer neuen radikalen Bewegung in Europa, die Haider anfeuern oder gar anführen könnte. Alle diplomatischen Beziehungen werden eingestellt, Österreich ist geächtet. Schüssel und Khol waren gewarnt.

Ein Gutes hat die ungeschickte und kontraproduktive Aktion: Jörg Haider wagt oder schafft es nicht, Teil der Regierung zu werden. „Susanne, geh du voran“ – mit diesen historischen Worten wird Riess-Passer zur blauen Vizekanzlerin. Als „Alpen-Ayatollah in Kärnten“ (KIenk) sollte er in den kommenden Jahren bis zu seinem Tod seinen politischen Kredit verspielen. Ex-FPÖ-Urgestein Reinhart Gaugg, der Haider nach dessen ersten Wahlsieg auf den Schultern trug, spricht von dessen „bitterster Stunde“. Freiwillig sei er nicht von den Schalthebeln der Macht gewichen, gibt sich Gaugg bis heute überzeugt.

„Widerstand in Haiderland“ zeigt nicht nur die Einzigartigkeit der Proteste, die in Intensität und Umfang speziell im untertänigen Österreich ihresgleichen suchen. Baker geht es noch um etwas anderes: er will die Breite der Bewegung zeigen, das „andere“ Österreich, das in den Augen der ebenfalls zu Wort kommenden internationalen Experten das Ansehen des Landes gerettet hat. „Die Welt hat gesehen, dass das auch für die Österreicher keine politische Normalität ist“, so etwa Michael Frank von der Süddeutschen Zeitung.

Der Regisseur hält sich bewusst im Hintergrund, lässt die Videos und Bilder sprechen. „Es war ein sehr schwieriger Film, vielleicht mein bisher schwierigster“, erklärt Baker. „Meine Rolle war weniger die eines Regisseurs als die eines Arrangeurs. Der Applaus gehört in diesem Fall euch allen – ihr habt protestiert, ihr wart dabei, es ist euer Film!“

Was Baker zeigen will, ist die Kraft der Masse und die Bedeutung des Einzelnen. „Masse ohne Macht?“ lautet der fragende Untertitel des Films, der zu entkräften ist. Wenn man sieht, wie ein beherzter Bürger überreagierende und schwer bewaffnete Polizisten mit der Macht des Wortes zum Einlenken bringt, wie eine jahrzehntelange brave ÖVP-Wählerin als „Demo-Oma“ zu Ruhm gelangt, weil sie „von der Partei enttäuscht war und etwas dagegen tun wollte“ und mit der Trillerpfeife gegen die Regierenden ankämpft – das hat was! Für das Publikumsfoto heißt es dann auch mitmachen: „Alle ganz freundlich – und jetzt sagt 3-2-1 WIDERSTAAAND!“ Nach ein Mal üben klappt das auch ganz gut mit dem Premierenpublikum.

Doch es gibt noch eine Dimension – eine historische. Es mag im ersten Augenblick übertrieben klingen, aber kurzzeitig stand das Land Anfang 2000 an der Kippe. Die Demonstranten waren wild und nicht zu bremsen, anfangs auch mit gewalttätigen Einsprengseln. Die Regierung ging auf Konfrontationskurs – „Jetzt erst recht“ und „Speed Kills“ auf den Fahnen. Es läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken, wenn Khol wiederholt betont, wie großmütig man doch im Umgang mit den illegalen Demonstranten gewesen sei und dass man ja auch eine Bannmeile im ersten Bezirk errichten und gewaltsame Räumungen durchführen hätte können.

Wohin die Brutalität der Macht führen kann, wird in der Folge am Beispiel Kärntens gezeigt, wo Klenk unter anderem die Beerdigung Haiders besucht und von den Eindrücken – heldenhafte Verehrung, eine streng nach Ständen organisierte Festgemeinde, alle unter dem Schutzschild der mächtigen Kirche – schockiert ist.

Auch wenn Traditionen, Heimatpflege und die ländliche Ordnung natürlich nichts Schlechtes sind – hier zeigt sich schon, wie notwendig das „andere Kärnten“ ist. Dass dieses über die „Kulturkarawane gegen Rechts“ im Wendejahr weit hinausgeht, hat sich jetzt unter anderem wieder bei der Demo letzten Freitag in Klagenfurt gezeigt – lesen Sie auch hier den neuwal-Artikel mit aktuellen Interviews!

„Widerstand in Haiderland“ von Frederick Baker mit Doron Rabinovici, Josef Hader, Bernard-Henri Lévy, Michael Frank, Hubsi Kramar, Andreas Khol, Marlene Streeruwitz und anderen wird nach den Premiere-Veranstaltungen im Filmcasino regulär im Top Kino gezeigt.