Ich freue mich über einen Gastkommentar von Christian Fuchs, der seinen Blogbeitrag „Unternehmensgewinne und Einkommensverteilung bisher kein Thema“ uns zur Verfügung stellt. Vielen Dank.

Am 28. September 2008 finden in Österreich Nationalratswahlen statt. Die Themen, die die Parteien propagieren, sind absolut oberflächlich und gehen an den realen Problemen und deren Ursachen vorbei. Es gibt stattdessen eine Konzentraten auf rassistischen Populismus und das Thema Vetrauen in die Politik. Dies zeigt sich bereits an den auf Wahlplakaten repräsentierten Themen.

  • “Es reicht! Wer bei uns lebt, muss unsere Sprache sprechen. Ohne Deutschkurse keine Zuwanderung. Keine Rechte ohne Pflichten” (ÖVP). “Familien brauchen Hilfe gegen Teuerung! Familien-Beihilfe jeden September doppelt. Versprochen-Gehalten!” (ÖVP).
  • “Faymann. Die neue Wahl”. “Genug gestritten. Werner Faymann. SPÖ” (SPÖ)
  • Ebenso die Grünen: “Dauerstreit? Nicht mit mir”. “Umfallen? Nicht mit mir” (Grüne) .
  • “Soziale Sicherheit für unsere Leut’. Sie sind gegen IHN. Weil ER für EUCH ist. HC Strache 08”. “Asylbetrug heißt Heimatflug” (FPÖ).
  • “Aufrichtigkeit. Offenheit. Fairness. Das ware doch eine Dreierkoalition für die nächste Regierung!“ (LIF)

Abstraktes Vertrauen durch Personen und Parteien zu versprechen ist fast zynisch in einer Zeit, in der viele Menschen immer mehr Mißtrauen in die Politik entwicklen, da sie immer weniger vom materiellen Wohlstand profitieren.

Das wirklich große Thema dieser Wahl ist jenes der Einkommensverteilung. Und es wird von den etablierten Parteien bisher völlig ignoriert.


Statistiken zeigen, dass Unternehmen und Reiche immer wohlhabender dadurch werden, dass die Masse der Bevölkerung relativ ärmer wird.

Neuwal. Gastkommentar (neuwal.com)
Profite, Lohnquote und Produktivität in Österreich (Quelle: EU AMECO Database)

Die Grafik zeigt, dass sich in den letzten 40 Jahren die Produktivität in Österreich verdoppelt hat (blaue Kurve, linke Skala). Dadurch steigt der Wohlstand. Die Löhne sind aber relativ sinkend. Die Lohnquote, das ist der Anteil der volkswirtschaftlichen Lohnsumme am Bruttoinlandsprodukt, ist von über 70 Prozent Anfang der 1980er Jahre auf etwa 55 Prozent im Jahr 2008 gesunken (gelbe Kurve, rechte Skala)!

Gleichzeitig sind die Unternehmensprofite fast exponentiell gewachsen (rote Kurve, linke Skala). Sie betragen im Jahr 2008 ca. 80 Milliarden Euro. Das bedeutet: Der Grund dafür, dass viele Menschen der Meinung sind, finanziell auszukommen wird immer schwieriger, ist der, dass die Gewinne der Unternehmen dadurch steigen, dass Löhne relativ niedrig gehalten werden.

Die nächste Grafik zeigt, dass die Gewinnquote (blaue Kurve), also der Anteil Gewinne aller Unternehmen am Volkseinkommen, in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen ist.

Neuwal. Gastkommentar. (neuwal.com)
Gewinnquote in Österreich

Es ist interessant, sich anzusehen, welche die gewinnträchtigsten und größten Unternehmen Österreichs sind. In der folgenden Tabelle sind diese nach Kapitalbestand in Milliarden Euro geordnet.

Neuwal. Gastkommentar. (neuwal.com)
Die größten Unternehmen Österreichs 2008 (Quelle: Forbes 2000)

1 315 872 Österreicher (21.4% der Einkommensbezieher) verdienten 2005 weniger als 8 000 € (Statistisches Jahrbuch 2008, Tabelle 34.19). Das entspricht in etwa der Summe der Profite der 13 größten österreichischen Unternehmen (Gesamteinkommen der 1 315 872 Österreicher laut Statistischem Jahrbuch: 4.829 Milliarden €, Gesamtprofit der 13 größten profitabelsten österreichischen Konzerne: 9.26 Milliarden US$=ca. 6.26 Milliarnde €).

Die Gewinnraten, also das Verhältnis von Gewinn zu Investitionskosten, der aktennotierten Unternehmen waren in den letzten zehn Jahren immer hoch, wie die folgende Grafik verdeutlicht. In den letzten Jahren war der Wert immer über 10 Prozent

Neuwal. Gastkommentar (neuwal.com)
Gewinnraten aktennotierter Unternehmen. Quelle: Shareholder Performance Test 1998-2007, Contrast Management-Consulting

Die durchschnittliche Steuerrate auf Kapital betrug im Jahr 2006 in Österreich 23.4 Prozent. Der EU-Durchschnitt ist etwa 33 Prozent, in Irland, Frankreich und Dänemark ist die Rate über 40 Prozent. Österreich ist eines der Schlusslichter bei der Kapitalbesteuerung in Europa (Daten: Tax Rates on Capital 2006, Eurostat).

Tax Rates on Capital 2006 (Eurostat)
Ireland 42,5
France 41,5
Denmark 40,9
United Kingdom 39,7
Spain 38,7
Cyprus 36,6
Italy 34,4
EU27 33,3
EU25 33,3
Belgium 32,3
EU15 31,9
Czech Republic 24,9
Finland 24,6
Germany 23,4
Austria 23,4
Netherlands 20
Slovakia 18,1
Lithuania 14,1
Estonia 8,4

Warum spürt die Masse der Menschen die Teuerung so sehr? Weil Profite über dem Interesse der Menschen stehen. Da Gewinne niedrig besteuert werden. Da Löhne viel langsamer gewachsen sind als Profite. Die einzige Lösung dafür ist, eine Trendumkehr einzuleiten, einzugestehen, dass Unternehmensgewinne und einseitig verteilter Reichtum reale Probleme darstellen und es dringend eine Umverteilung von oben nach unten braucht.

Wie ist die zu erreichen?

Durch eine wesentliche Erhöhung der Besteuerung von Kapital und Vermögen. Dazu muss aber gesagt werden, dass es Gruppen gibt (Unternehmen, Aktionären, Reichen), denen Reichtum weggenommen werden muss, um diesen Ärmeren zu geben. Bisher sind in der Teuerungsfrage simple Rezepte zu hören, wie jene, dass an der Teuerung Ausländer schuld seien oder Abhilfe eine höhere Familienbeihilfe schaffen könne.

Ein Wahlkampf, in dem über rein oberflächliche Themen gesprochen wird und über den Kapitalismus geschwiegen wird, ist eine zweifelhafte Veranstaltung.