NEUWAL. Kurt Palm. (neuwal.com)

Kurt Palm. Österreichischer Autor, Regisseur und Volksbildner. Sogenannter „Freischaffender“. Er war Ministrant, Mittelstürmer (TSV Timelkam), Nachtwächter und Autostopper, schreibt Wikipedia. Dr. Kurt Palm ist bekannt durch Phettbergs Nette Leit Show, die er von 1994 – 1996 im ORF inszinierte.

Palm ist an der österreichischen Politik interessiert und hat selbst vor zwei Jahren für die KPÖ bundesweit an dritter Stelle kandidiert.

Wir haben mit Kurt Palm über Politik, linke und rechte Denkmuster, EU, Veränderung und Kleinparteien gesprochen. Vielen Dank für das Gespräch!

Bild von Wikipedia

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NEUWAL (Dieter Zirnig): Herr Palm, wie geht es Ihnen und was machen sie derzeit?

Dr. Kurt Palm: Ja, sehr gut. Ich war grad Hechtfischen in Schweden und habe viele Hechte gefangen. Mein Hobby ist Fischen. Mein Beruf ist Bücher schreiben, Filme drehen, viele Lesungen machen. Ich bin – wie man so schön sagt – Freischaffender.

Ich habe den Eindruck, Persönlichkeiten aus dem „freidenkenden freischaffenden“ Bereich erklären sich leichter für Gespräche und Interviews bereit. Über die „Mitte in die rechte Richung“ wird es leider schwerer.

Dr. Kurt Palm: Das ist normal. Dinge, die sich im Prozess befinden und über die man diskutieren sollte, über die es einen Diskurs geben soll sind nicht gefragt.

Vieles ist vorgegeben. Bei meiner Arbeit ist das Prozesshafte gefragt  – das ist hier nicht wichtig. Wir befinden uns derzeit in einer Gesellschaft der Fertigprodukte: Unsere  Gesellschaft ist darauf aufgebaut nichts zu hinterfragen. Leute sollen konsumieren. Eigentlich wird jeder Mensch zum Konsumenten degradiert – zu Personen, die nicht nachfragen soll.

Der freie Geist und Personen die Dinge in Frage stellen sind in der Gesellschaft nicht sehr gefragt. Das ist mir klar.

Hinterfragen hat viel mit nachfolgenden Veränderungen zu tun. Gibt es in allen Parteirichtungen den Wunsch nach Veränderung?

Dr. Kurt Palm: Die Veränderung ist ein wesentlicher Begriff des Marxismus und des linken Denkens: Die Gesellschaft ist veränderbar. Die Rechten hassen nichts mehr als die Veränderung: Es soll so bleiben wie es ist. Der Status Quo ist das Wichtigste. Wenn Veränderung, dann handelt es sich um eine Verschlechterung der Situation für den Menschen.

Berthold Brecht sagt : „Ändere die Welt, sie braucht es.“

Die Welt braucht Veränderung. Das ist ja das Entscheidende.

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Kann man sich von Neuwahlen Veränderungen erwarten?

Dr. Kurt Palm: Nein, Veränderungen kann man sich nicht erwarten. Wenn man sich vorstellt, wie viel Geld die Parteien vom Staat für die Wahlvorbereitungen bekommen rede ich hier von einem Skandal. Genau so verhält es sich mit den Wahlkampfkostenrückerstattungen.

Es wird zu keiner Veränderung kommen. Es wird wieder eine große Koalition geben, ein absurdes Gebilde mit der FPÖ oder die Grünen mit den Schwarzen, was nicht funktionieren würde.

Es gibt eine Grundproblematik, die nicht nur in Österreich besteht: Die Politik entscheidet derzeit nichts mehr. Die Politik ist ein vorgeschobener Posten der Wirtschaft. 

Entschieden wird alles in Konzernzentralen in New York, London oder Paris.

Wie beurteilen sie das politisches System und die Situation in Österreich?

Dr. Kurt Palm: Das politische System in Österreich ist generell festgefahren, festzementiert und eingemauert. Es steht fest – wie mit rostigen Schrauben zugeschraubt. Das ist das Dilemma –  Liberalismus hat bspw. keine Chance gehabt.

Österreich ist seit 1945 bis heute in zwei Blöcke aufgeteilt: SPÖ und ÖVP haben sich das Land untereinander aufgeteilt. Darunter leidet Österreich seit 60 Jahren.

Es ist ein Dilemma, dass sich die Großparteien Staat, Wirtschaft und Medien aufgeteilt haben. Es ist auch ein Zeichen der Großparteien was sie unter Demokratie verstehen, wenn ich an Wahlkonfrontations-Sendungen im ORF denke, wo Kleinparteien ausgeschlossen werden. Jede Partei soll diese Möglichkeit bekommen.

Zum Thema „Politische Satire in Österreich“ fallen mir ganz spontan „Maschek“ ein. Warum gibt es in Österreich so wenig davon?

Dr. Kurt Palm: Das ist mit einem Zusammenhang zwischen einer Tradition bei Kunst und Literatur. Im Bereich Komik und Satire gab es im 19. Jahrhundert mit Nestroy einen Höhepunkt. Sonst  spielt es keine Rolle. In Österreich ist die satirische Auseinandersetzung, das „Lächerlich machen“ – nicht nur satirisch – nicht gefragt.

In Irland und besonders in Deutschland mit der Neuen Frankfurter Schule (Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt) gibt es hier andere Bewegungen.

Ich habe diese Annäherung in meinen Arbeiten immer versucht. Es ist ein Knochenjob.

Wie stehen Sie zur Europäischen Union?

Dr. Kurt Palm: Ich bin kein EU Gegner – ich bin ein Gegner der EU, wie sie sich derzeit präsentiert.

Ich sehe Österreich als ein Anhängsel der EU. Es wird in Brüssel entschieden und in Österreich ausgeführt. Ich bin mir nicht sicher, ob die ÖsterreicherInnen bei der  Abstimmung darüber Bescheid gewusst haben.

Die EU ist eine Organisation die Großkonzernen dient. Eine Union, die mit einem sozialen Europa nichts zu tun hat. Es ist eine Union für Militär, Bürokraten und für Großkonzerne.

Innerhalb der EU sind die rechten konservativen Kräfte im Kommen, die mit Hilfe der Medien die Leute fest im Griff haben.

Was sind Ihre Wünsche für eine EU-Politik?

Dr. Kurt Palm: Das ist so, wie wenn ich mich an das Meeresufer stelle und rufe: „Ich möchte bitte, dass der Sturm aufhört.“ Die Situation ist verfahren.

[podcast]http://neuwal.com/wp-content/uploads/2008/08/neuwalpalm02.mp3[/podcast]Ich wünsche mir eine Europäische Union, wo soziale Aspekte im Vordergrund stehen. In welcher Menschen sozial abgesichert sind, sich Lebensmittel leisten können und sich dafür keinen Kredit aufnehmen müssen.

Ich wünsche mir, dass die Leute aufwachen und in einer gigantischen Protestaktion den Leuten in Brüssel das Fürchten lernen. Aber das werde ich alles nicht mehr erleben.

Gibt es ein Aufwachen mit den (neuen) Kleinparteien?

Dr. Kurt Palm: Das ist eine Illusion. Es wird sich in Österreich vielleicht ein wenig am Rand bewegen. Im Grunde wird sich allerdings nichts ändern.

Hr. Dinkhauser sehe ich im rechten-konservativen Bereich, der bereits vom BZÖ abgedeckt wird. Das Liberale Forum ist mir suspekt. Die LINKE und die KPÖ werden maximal 1 % machen.

NEUWAL. Leserfrage.Können Sie sich vorstellen, in der Politik aktiv zu werden? (Leserfrage von max)

Dr. Kurt Palm: In meiner Studentenzeit war ich viele Jahre als Funktionär bei der KPÖ. Ich habe diese Erfahrung bereits hinter mir und mich entschlossen, einen anderen Weg zu gehen. Vor zwei Jahren habe ich auf der Liste der KPÖ bundesweit an dritter Stelle kandidiert. Bundesweit konnten wir in der Relation viele Stimmen dazu gewinnen.

Nach außen hin unterstütze ich die KPÖ, rufe auch dazu auf, diese Partei zu wählen, ich kandidiere allerdings nicht mehr und nehme auch kein Amt in Anspruch.

Herr Palm, vielen Dank für das Gespräch, einen schönen Sommer, viele Fische noch und alles Gute!

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.