„Ich glaube an etwas.“

Karlheinz Hackl (58) ist in seinen Worten sehr überzeugend als wir gut eine halbe Stunde miteinander telefonieren. Er ist österreichischer Schauspieler und Theaterregisseur und kämpft derzeit mit seiner Partei SKÖ (Solidarische Kultur Österreich) um Unterstützungserklärungen.

Er möchte bei den Nationalratswahlen 2008 mit dem SKÖ kandidieren. Es war ein sehr interessantes Gespräch über mehr als politische Themen, Kultur und Theater.

Über Qualität und Veränderung der Gesellschaft und ihren Werten. Mit vielen Statements, die ich ungekürzt veröffentlichen möchte.

Hackl macht derzeit Lesungen, Auftritte und hat seine Gigs, singt Lieder von Georg Danzer. Er möchte „sich mit den Leuten auseinandersetzen, mit ihnen reden. Und nicht, dass sie vorm Fernseher sitzen und dabei zusehen, wie ich herumrede.“

Bild von www.nestroy.at

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NEUWAL (Dieter Zirnig): Guten Tag, Herr Hackl! Wie geht es Ihnen bei den Vorbereitungen mit der SKÖ und den Unterstützungserklärungen?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Bis jetzt ist die SKÖ noch nicht registriert. Solange ich nicht ins Parlament mit der Partei komme, ist das ganze Vorhaben „Schall und Rauch“. Wenn ich registriert bin und die Unterstützungserklärungen beisammen habe, stehe ich zumindest auf den Wahlzetteln. Der Stichtag für die Unterstützungserklärungen ist der 22. August.

Wenn ich es bis dahin nicht schaffe, stehe ich nicht auf den Wahlzetteln. Der Vorgang der Unterstützungserklärungen ist sehr kompliziert. Die Leute müssen aufs Amt gehen und dort ihre Unterschrift abgeben.

Wie ist der Zuspruch aus der Bevölkerung wenn Sie mit Leuten direkt ins Gespräch kommen?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Die Zuwendung der Bevölkerung ist enorm und es gibt sehr großes Interesse. Leute rufen an, schreiben mir und möchten wissen, wie und was ich vorhabe. Gerade eben hat mich der Behindertenverband angerufen.

Die Leute sind vermutlich ziemlich „angefressen“ und denken „es wird sich eh nichts ändern„. Es ist vor allem für die jungen Leute sehr schwer. Zwei Drittel wissen nicht, wen sie wählen sollen.

Es wird sich für keine Partei mehr eine absolute Mehrheit ausgehen. Deswegen werden sich vermutlich drei bis vier Parteien zusammenschließen müssen. Italienische Verhältnisse hin oder her – es muss auf alle Fälle etwas weitergehen. Man braucht im Parlament eine satte Mehrheit um ein Gesetz durchzubringen.

Welchen Weg versuchen Sie mit dem SKÖ – welche Richtung schlagen Sie ein?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Ich habe herausgefunden, dass es drei Säulen gibt, auf die man baut:

1. Gesundheit
2. Bildung
3. Kultur

Gesundheit ist sehr wichtig. Es gibt viel mehr Krankheiten als Gesundheit.

Wie sehen Sie die Bereiche Bildung und Kultur?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Am Beispiel des kürzlich verstorbenen Fred Sinowatz: Sinowatz hat sich sehr um die jungen Leute gekümmert: Die Jungen sind die Zukunft: „Jeder Cent in die Jugend ist eine Anlage in die Zukunft.“ Sinowatz sagte auch „Wir investieren in die Bildung, das ist die Zukunft„.

Er war einerseits für die Kleinen Leute und andererseits für die Intellektuellen da. Das hat er einfach in sich gehabt. Er wurde unterschätzt. Er hat die Wahrheit gesagt – er hat gesagt, was er sich denkt und man hat es ihm schlecht ausgelegt.  Das darf man vermutlich hier zu Lande nicht.

Sinowatz war ein kultureller toller Mann. Auch der Kreisky hatte eine Ahnung von Kultur. Sinowatz hat gesagt: „Wir sind kulturell in einem Elfenbeinturm„: Wir leben von Mozart, von den Lippizanern. Aber, es gibt auch eine andere Kultur – eine Jetzige. Und es wird diese auch wieder geben.

Auch Schifahren oder Fußball ist eine Art von Kultur. Die Leute glauben, bei Kultur geht es nur um Theater-Stücke – das ist nicht wahr. So vieles ist Kultur.

Wenn wir ins Ausland fahren sind wir die ewig Vorgestrigen, die Nazis und wir sind andauernd besoffen. Wir haben einen schlechten Ruf. Die Kultur würde helfen, diese Vorurteile abzubauen. Vorurteile habe ich ja auch – man muss diese allerdings mit Gesprächen abbauen.

Es geht, wenn man ein bisserl über die Grenzen schaut. Man igelt sich in dem Land ein.

Wir brauchen ein Kultursystem. Wir haben keinen eigenen Kulturminister – dieser hätte zumindest ein Veto-Recht im Ministerrat. Bildung und Kultur sind zwei ganz wichtige und schwere Sachen, die ein Mensch nicht zusammen machen kann.

Ich sage jetzt nicht, dass man ein Buch lesen soll – das würde nicht viel helfen. Man muss mit den Leuten reden.

EU, Teuerung, Asylpolitik. Alles Punkte, die derzeit stark thematisiert werden. Wie denken Sie politisch?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Das Ausgrenzen von Parteien ist schlecht. Ich persönlich mag den Herrn Strache nicht, weil er zu populistisch ist. Aber wenn ich mir nun die Klientel von Hr. Strache anschaue muss ich versuchen, diese – teilweise verführbaren, labilen – Menschen zu überzeugen, dass sie hier mit dem Feuer spielen.

EU

Mit der EU ist es bspw. so, dass wir hier komplett wirtschaftlich abhängig sind. Ohne EU können wir alleine eigentlich gar nicht überleben. Die ganze Zeit gegen diese Entwicklung zu sein hat allerdings auch keinen Sinn.

Teuerung

Es gibt sehr viele Möglichkeiten zu sparen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Armutsgrenze wird immer dramatischer – jetzt muss man den Reichen etwas abverlangen. Die Teuerung und die Inflation sind irrsinnig hoch – da stimmt doch irgendetwas nicht. Butter oder Milch  sind in Österreich um ein Drittel teurer als in Deutschland. Das gibt’s ja nicht.

Wer streift denn das ein? Sind das die Ketten? Es gibt ja keinen Wettbewerb –  REWE und SPAR, sonst gibt es ja nichts mehr. Den Greißler gibt es schon lange nicht mehr.

Der Föderalismus in Österreich ist ja auch so ein komisches System. Sehr merkwürdig: Wien ist die Hauptstadt, dann gibt es die Bundesländer mit den Bezirkshauptmannschaften. Das kostet irrsinnig viel Geld. Die Schweiz hat bspw. 50 % weniger Beamte. Das muss man sich einmal vorstellen – wir haben annähernd die gleiche Einwohnerzahl.

Asylpolitik

Die Asylpolitik ist ein Problem. Wir sind ein Einwandererland. Und wir Österreicher kommen fast alle aus einem Schmelztopf. Ich beispielsweise aus Mähren. Wir haben eine Verpflichtung. Gerade deswegen weil wir ein Einwandererland sind.

Wir müssen uns öffnen.

Zu sagen „ihr müsst Deutschsprachkurse machen“ geht nicht. Aber es ihnen zu empfehlen – das geht.

Wir brauchen die ausländischen Leute. Die Wirtschaft braucht die Leute, Fachkräfte und gute Kräfte aus dem Ausland. Und der Fußball.

Und dann sagen wir: „Die Verbrecher kommen rein“ – ist nicht immer wahr; stimmt nicht.

Gemeindebauten in Wien

Es gibt Ghettos in Wien. Zusammengekarrt.

Eine alte Frau bspw. ist umgeben von einer fremden Kultur. Und diese Frau hat Ängste.

Im Gemeindebau meiner Mutter und meines Vaters leben heute viele Ausländer, ich kenne keinen einzigen Menschen mehr. Diese Ausländer sind Steuerzahler und „Wahlfutter“ – das sind sie auch.

Auch da muss man sagen – es geht nur miteinander. Mit Reden.

Aber mit „Islam und Daham“ geht es nicht. Weil man damit die seichtesten Instinkte anspricht.

Gusenbauer und Faymann

Gusenbauer und Faymann. Ich hab mein ganzes Leben immer rot gewählt. So war das, ich bin so erzogen worden.

Nur – man hat sich mit der Kronen Zeitung populär in ein Bett gelegt. Damit hat man sich aber auch mit dem Strache ins Bett gelegt. Diese Form von Boulevard ist nicht gut. Und wie auch immer es gemeint war – es kam so drüber.

Parlament

Ich habe nicht vor, mich ins Parlament zu stellen und dort einzufallen. Ich spüre – wenn man da zu schaut kommt es mir vor wie ein Kabarett. Ein Drittel applaudiert und das andere ist nicht da oder schüttelt den Kopf. Das ist lächerlich. Damit möchte ich nicht meine Zeit verbringen.

Wahlplakate und Wahlkampf

Wahlkampf, das Wort geht mir schon auf die Nerven. Und die Plakate. Mit Kindern und dem abgeschleckten Hund. Das ist so verlogen. Komischerweise muss es sein, da diese Plakate etwas nutzen. Aber man kann ja niemanden wählen, nur weil er so lieb ist auf  dem Plakat. Man muss mit dem Menschen doch reden.

Einer ihrer drei Punkte ist Kultur: Welche Rolle spielt das Theater?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Das Theater hat es schwer und hat sehr viel an Werten verloren. Unsere Eltern waren noch dort – Stehplatz. Heute werden die Geschichten seichter. Es geht viel mehr um das „Wie“ und nicht mehr um das „Was„.

Die jungen Leute sehen nicht mehr das Stück an sich. Sie sehen irgendwelche Ideen – keine spannenden Geschichten – von Personen, die Karriere machen wollen. Ein junger Mensch geht ja heutzutage nicht mehr ins Theater. Dafür gibt es keinen Wunsch mehr.

Es gibt fürs Theater auch kaum Geld mehr. Es wird gespart – Tot gespart.

Persönlichkeiten

Es fehlt im Theater auch an Persönlichkeiten die auftreten können. Es sind nur mehr ein paar Hand voll Leute wo man sagt:  „Aha, das ist es!“. Heutzutage ist viel verwässert. Das Ensemble, das Burgtheater ist verwässert. Früher konnte man einen Nestroy besetzen. Oder einen Schnitzler. Das geht heute nicht mehr. Das wird immer schwieriger.

In Österreich wüsste ich nicht, wie ich einen großen Nestroy besetzen würde. Generell gibt es heutzutage keine Persönlichkeit mehr. Personen, die Vorbilder sind. Personen, die ehrlich sind, die eine Meinung haben und offen reden. Das ist leider nicht mehr der Fall. In vielen Berufen ist das so. Nicht nur in meinem.

Das Burgtheater-Programm hat sich in den letzten Jahren kaum verändert…

Karlheinz Hackl (SKÖ): …wenig Veränderung: Es gibt keine staatliche Erhöhung bei den Zuwendungen. Seit neun Jahren. In Salzburg gibt’s gar kein Theater mehr. Es gibt kein Geld fürs Theater.

Es gilt: Der, der das billigste Angebot macht, bekommt den Zuschlag und wird Intendant. Das Salzburger Landestheater ist ein schönes Theater, wie das Volkstheater in Wien. Herrlich, schön.Das ist allerdings kaputt. Da gibt’s kein Geld mehr.

Es gibt die Festspiele – aber das ist eine elitäre Veranstaltung.

Die Festspiele in Mörbisch im Burgenland gehen da in eine eigene Richtung.

Karlheinz Hackl (SKÖ): Es geht in Richtung Event: Eventkultur. Mit Namen mit Zugnummern. Der schnelle Verkauf. Man ist flott geworden. Man muss Erfolg haben. Es ist Event. Mit Theater Erfolg haben – es muss ein Ereignis sein.

Herr Serafin macht es sehr klug – es kommen 6.000 Leute in die Vorstellungen. Wenn ich diese Zahl an Unterstützungserklärungen hätte, wäre ich weit drüber.

Serafin macht das sehr gut. Ich möchte das nicht kritisieren. Er macht das wie ein Vertreter. Er redet die Leute an und  lädt sie ein. Er redet über den schönen Neusiedlersee, die schönen Melodien, das schöne Bühnenbild und so weiter. Es gibt sogar einen Rotwein der sich „Serafino“ nennt. Ein Wahnsinn. Unglaublich. Mit 76 Jahren ist das sehr gut –  das darf man nicht vergessen.

Nur, es geht sehr in Richtung Event. Es verschwimmen die wirklichen Qualitäten und Werte. Das verschwimmt und ich frage mich, woran das liegt.

Was kann man dagegen tun? Sind Qualität und Werte überhaupt noch gefragt?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Man muss es insistieren, aufbauen, man muss es fordern. Es geht nur über die Jugend, den Nachwuchs, über die Jugend: Aufbau von Ensembles und der Öffentlichkeit zeigen – durch die Bundesländer fahren.

In meinem Beruf muss man beispielsweise ein Ensemble gründen, dieses ausbauen und aufstocken.

Junge Leute begeistern.

Begeistern fürs Theater. Theater machen. Unterhalten. Singen, Lesen – es ist wichtig, dass man daran glaubt. Begeisterungsfähigkeit ist ja da. Man soll Begeisterung mit Qualität auslösen. Begeisterung braucht eine Qualitäsmotivation.

Qualität hat meiner Meinung auch viel mit Reflektion und Hinterfragen zu tun. Sind das Werte, die in der heutigen Zeit gefragt sind?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Das ist beim ORF genauso. Die Unterhaltung wird auch immer furchtbarer. Es ist wichtig, etwas originär Österreichisches zu haben, das gehört dazu. Und dann gibt es Unterhaltungssendungen aus Holland, aus Deutschland oder Amerika. Das sind alles Modelle. Das gibt es woanders, das machen wir nach.

Wir machen Quote. Aber WIR selber – Wir werden nicht gespielt.

Kein Austropop. Wir müssen uns den Schmarren aus Übersee anhören. Wer bestimmt das. Warum wird der Fendrich nicht gespielt, warum werde ich nicht gespielt, warum wird der Danzer nicht gespielt?

Was kann man dagegen tun, wie kann man das verändern?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Das geht meines Erachtens nur über eine Gruppe und über eine Gemeinsamkeit: „Wir wollen das“. Wenn das ein Einziger macht, dann sagt man, das ist ein Spinner.

Es müssen alle sagen: Das machen wir, das müssen wir machen und dann wird das auch eine Wirkung haben. Motivation und Begeisterung. Veränderung.

Wir brauchen allerdings die Unterstützung der Politik. Die das ganze koordiniert, aber nicht stört.  Die Politik ausklammern ist nicht gut. Politik soll agieren wie ein Regisseur.

Man könnte Veränderung mit Begeisterung machen?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Die Kinder haben mit- und untereinander überhaupt keine Probleme. Aber man muss ehrlich sein, mit Gewalt geht es nicht.

Am Beispiel Asylpolitik: Zwingen kann man Ausländer mit der Art„Du bist Muslim und Du lernst nun die Sprache“ nicht. Ich kann mich mit einem jungen Ausländer auseinandersetzen und ihm die Chancen in der Gesellschaft zeigen. Und das besser geht, wenn er die Sprache kann.

Ist Politik eigentlich noch Politik?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Nein, der Eindruck besteht nicht. Es geht viel mehr um Event. Es geht um Karrieren, Macht – eine merkwürdige Kultur. Es geht nicht um die Menschen, so hat man den Eindruck.

Was möchten Sie gerne verändern, wenn sie in der Politik sind?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Es gibt verschiedene Ansätze: Ich würde versuchen, dass wir die Teuerung und Inflation in den Griff bekommen. Es geht nur gemeinsam – es müssen alle gemeinsam mitmachen: Der Handel, die Industrie. Der Großteil ist nämlich hausgemacht.  Ein Drittel. Das Benzin wird teuerer.

Als Österreicher kann ich allerdings nicht viel gegen teueres Benzin machen. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, ein gewisses Kontingent „billiges Benzin“ für die Arbeitsstrecke. Die Leute wissen nicht mehr, wie sie sich das Autofahren leisten können.

Wie sieht ihr Budget aus, wie können sie sich die Wahlvorbereitungen leisten?

Karlheinz Hackl (SKÖ): Ich habe kein Geld für den Wahlkampf. Ich habe keinen Geldgeber, ich habe keinen Hr. Haselsteiner.

Ich kann’s nur mit meinem Herz und Gefühl machen, mit meinem Verständnis für die Leute und mit meinem Hirn. Aber ich kann es nicht mit Geld machen.

Nur mit Herz ist man ein Thor. Aber man braucht schon ein Hirn für die Leute. Das hat der Sinowatz gehabt.

Gehirn und Mensch. Das ist ganz wichtig.

Herr Hackl, ich wünsche Ihnen alles Gute und bedanke mich bei Ihnen für das Gespräch.

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