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Die zehn Mythen der Krise

geposted von am 23. Mai 2012 – 10:004 Kommentare

Fast vier Jahre nach Beginn der Krise melden sich viele zu Wort, die schon früher warnten. Heiner Flassbeck ist einer von ihnen und möchte nun aufräumen, mit zehn Mythen, die seit 2008 im Umlauf sind.

Heiner FlassbeckHeiner Flassbeck (* 12. Dezember 1950 in Birkenfeld, Nahe) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 beamteter Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen. Seit Januar 2003 ist er Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf.

Stoppt das Euro-Desaster!” fordert Max Otte in seiner Streitschrift, der umstrittene Thilo Sarrazin glaubt gar “Deutschland braucht den Euro nicht”. Heiner Flassbeck geht es etwas nüchterner an, möchte aufklären und zeigen, dass der eingeschlagene Weg aufgrund Unwissenheit und Ignoranz falsch sein wird. In seinem kurzen Büchlein wohnt aber vor allem eines inne: eine nicht geringe Dosis an Untergangsstimmung. Einen Fokus legt er zudem darauf, dass die Wissenschaft der Ökonomie eher einem Glasperlenspiel gleiche … mit “wirklichen” Wissenschaften habe dieser Zweig nur wenig gemein. Und, das ist das Besondere an dem Buch: er erhebt massive Vorwürfe gegen die Wirtschaftspolitik Deutschlands.

Mag die Tatsache auch von allen Kommentatoren und “Experten” ignoriert werden, es ist unbestreitbar, dass Deutschland stärker als alle anderen Länder gegen das gemeinsam festgelegte Inflationsziel verstoßen hat.

Mythos 3: Die Staatsschulden sind die eigentliche Ursache der Krise – Flassbeck meint, dass das reine Sparen, welches sich die Staaten in Europa nun auferlegt haben, unweigerlich in eine schwer Rezession führt und die Wirtschaft in einer immerwährenden Schrumpfung versinkt. Mythos 4: Wir leben über unsere Verhältnisse – Deutschland lebte, dank Überschüssen aus seinem Außenhandel, über seinen Verhältnissen, während viele europäische Länder darunter leben mussten. Deutschland hat seine Überschüsse verteidigt, wollte Macht zeigen, gegen die Wirtschaftsmächte aus Asien gewappnet sein und hat sich so in eine Lage katapultiert, die laut Flassbeck mehr als paradox sei: ähnlich wie bei Entwicklungsländern exerziere Deutschland seine Haltung nun auch bei den südeuropäischen Ländern. Man gibt Geld, ermöglicht aber, da man am Überschuss im eigenen Land festhält, keine bessere Wettbewerbsposition für diese Länder und daraus resultierend können nur sehr schwer jene Schulden zurückgezahlt werden. Mythos 9: Deutschland wird zum Zahlmeister Europas - Auch hier zeigt der Autor auf, dass Deutschland in hohem Maße falsch reagiert, und seine Macht überstrapaziert hat. Man habe das Instrument “Europäische Zentralbank” entmachtet und ad absurdum geführt, schicke nun Milliarden nach Griechenland, fühle sich als “Retter” und sei eigentlich selbst an der Lage in Europa mitschuld.

Wer aber tagtäglich die primitivsten Vorurteile des Boulevards bedient, muss sich nicht wundern, dass er die Geister, die er rief, nicht mehr loswird.

Die sogenannten “Zehn Mythen der Krise” sollen aufklären, sollen dabei helfen, etwas Abstraktes wie die Finanzkrise, ihre “Rettung” und ihre Fehler zu verstehen. Leider ist mir dies, mit Flassbecks Literatur, nur sporadisch gelungen. Im Gegensatz zu Ottes Werk, welches wirklich mit den Basics beginnt und eine einfache Sprache nutzt, hatte ich einige Male Probleme, Flassbecks Erläuterungen zu folgen. Natürlich verstand ich den Wahnsinn, welcher hinter so manchem Mythos zu stecken scheint, Flassbecks Wissen zu dem Thema ist hochinteressant. Und während die deutsche Politik und der deutsche Boulevard schon einen Schuldigen (Griechenland) herausgesucht hat, dreht Flassbeck ganz einfach den Spieß um und ernennt Deutschland zum Täter. Eine interessante Ansicht.

Zehn Mythen der KriseHeiner Flassbeck
Zehn Mythen der Krise

Taschenbuch
59 Seiten

ISBN 978-3-518-06220-3
€ 5,20

4 Kommentare »

  • DkM sagt:

    “Mag die Tatsache auch von allen Kommentatoren und “Experten” ignoriert werden, es ist unbestreitbar, dass Deutschland stärker als alle anderen Länder gegen das gemeinsam festgelegte Inflationsziel verstoßen hat.”

    Hat das Flassbeck geschrieben? Sicher? Meines Wissens existieren keine nationalen Inflationsziele. Lediglich die EZB hat im Rahmen ihres Mandates zur Sicherung der Preisstabilität eines. Ist auch konsequent, da bekanntlich die Geldpolitik in Händen der EZB und nicht in Händen der nationalen Zentralbanken liegt und Geldpolitik der relevante Faktor für Inflation (im Sinne von Preisniveau) ist.

  • Dominik Leitner sagt:

    Ja, das ist ein direktes Zitat aus Flassbecks Buch. So wie ich es verstanden habe, geht es auch gar nicht um nationale Inflationsziele, sondern um jenes, welches in der EU vorgegeben ist. Da haben die Deutschen über ihren Verhältnissen gelebt, was natürlich den anderen EU-Ländern zum Teil massiv geschadet hat.

  • DkM sagt:

    Interessant, danke für die Klarstellung. Inwiefern der Satz dann aber in einem Bezug zur Empirie steht, erschließt sich mir aber nicht. Wenn man sich die Daten ansieht (zB unter http://wko.at/statistik/eu/europa-inflationsraten.pdf), wird Flassbecks Aussage meines Erachtens eigentlich gar nicht bestätigt. Dass Argument, dass Deutschland über seine Verhältnisse gelebt haben soll, habe ich auch noch nie gehört. Die Kritik von keynesianischer Seite lautet doch meist gegenteilig – dass in Deutschland zu starke Lohnzurückhaltung geübt worden wäre, was – in dieser Argumention – dazu geführt hat, dass andere Staaten weniger konkurrenzfähig geworden sind.

  • DkM sagt:

    Ein übler dass-Fehler von mir und keine Edit-Funktion, das ist bitter ;-)

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