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neuwal.com | 16.09.2014

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“We’re like a mushroom” – Eindrücke vom Occupy London Camp

“We’re like a mushroom” – Eindrücke vom Occupy London Camp

Unter dem Namen Occupy London bzw. Occupy LSX (Occupy the London Stock Exchange, #occupylsx #olsx) existiert seit dem 15. Oktober 2011 (einem internationalen Solidaritäts- und Protesttag) ein Camp in Solidarität mit der weltweiten Occupy-Bewegung (#OWS). In Europa ist diese Londoner Front – alleine aufgrund ihrer realen, aber auch symbolischen Nähe zu bedeutenden Finanzzentren – sicher eines der blühendsten und lebendigsten Beispiele dafür, wie ein Protest heute an der Schnittstelle von lokalen und globalen Forderungen ablaufen kann.

Occupy London
Vor allem das Camp neben der St. Paul‘s-Kathedrale hat sich vergleichsweise lange gehalten hat und wurde noch nicht – wie viele Standorte in Amerika – gewaltsam geräumt. Das liegt daran, dass die Protestierenden sich zum einen gut mit der Kirche, der das Grundstück rund um St. Paul‘s teilweise gehört, arrangiert haben (Der Dekan der Kathedrale Graeme Knowles trat sogar zurück, da er im Falle einer Räumung nicht für gewaltvolle Aktionen verantwortlich sein wollte). Zum anderen ist man in London bestens aufgestellt, was rechtliche Beratung und die damit zusammenhängenden „Court Cases“, in denen die Räumung der Besetzung ausverhandelt wird, betrifft.

“We’re like a mushroom” – Eindrücke vom Occupy London (CC) Judith Schossböck

Occupy Everywhere
Was die Occupy-Bewegung vereint, ist die grundsätzliche Kritik an der Ökonomisierung sozialer und politischer Prozesse in Verbindung mit der Forderung nach „echter“ Demokratie. Letzteres bedeutet auch das Nachdenken über alternative Lösungen, über die u.a. in Arbeitsgruppen und Workshops diskutiert wird. St. Paul‘s ist aber nicht der einzige Standort in London geblieben und seit meinem letzten Besuch von Occupy LSX Anfang November einiges passiert: Am Finsbury Square (#occupylfs) hat seit längerem eine zweite Zelt-Residenz aufgeschlagen, und seit ca. drei Wochen wird ein leerstehendes Bankgebäude besetzt, wo unter dem neuen Namen Bank of Ideas (#bankofideas) freie Workshops und Versammlungen abgehalten werden.

Our loss is their gain.

TeilnehmerIn zum “We are the 99%”-Slogan

Wie lange diese Community-Räume noch existieren werden, ist ungewiss. Die Verhandlung gegen die multinationale Großbank UBS, die die Räumung des Gebäudes einklagte, wurde gerade (7.12.2011) verloren, die BesetzerInnen haben jedoch Berufung eingelegt. Für den Standort St. Paul‘s ist die Gerichtsverhandlung für den 19. Dezember angesetzt, was den Beteiligten durchaus Spielraum lässt, um längerfristige Infrastrukturen und Aktionen zu planen. Gegner ist hier die City of London Corporation – wer etwas tiefer in diese Materie eindringen möchte, dem sei dieser Artikel empfohlen. Die City of London Corporation wirft den Protestierenden unter anderem vor, den Verkehrsfluss im St. Pauls-Gebiet zu behindern. Diese wiederum fordern die City auf, sich dem Informationsfreiheitsgesetz zu unterwerfen und ihre Geldflüsse offen zu legen.

Can you evict an idea?
Es ist fraglich und bleibt spannend, ob mit der Räumung einzelner Standorte die mittlerweile gut vernetzte Bewegung mit all ihren lokalen Aktivitäten ein Ende finden wird. Denn die Londoner Bewegung hat mittlerweile eine Infrastruktur geschaffen, die sowohl intern als auch extern gut strukturiert ist. Die geschaffenen Arbeitsgruppen erinnern teilweise an das Modell von #unibrennt (inklusive Volksküche), und Occupy verfolgt auch in London zwei Grundsätze: Zum einen Respekt vor allen Beteiligten und zum anderen das des „consensus“, der Konsensfindung über direkte bzw. basisdemokratische Elemente. Während meinen Beobachtungen im November und Dezember sind mir in London – gerade im Vergleich zur Bewegung in Österreich oder Deutschland – einige Elemente aufgefallen:

  • Der Einfluss der Bewegung auf Medien und den öffentlichen Diskurs: Schnelle Reaktionszeiten (z.B. in Bezug auf die News-Sektion zentraler Websites) und enge Zusammenarbeit mit Medien (z.B. dem Guardian, der der Bewegung seine Comment is free-Sektion zur Verfügung stellte sowie laufend berichtet) sowie eine eigene Zeitschrift „The Occupied Times“ sind einige Gründe dafür, warum Occupy in London relativ laut und ernst genommen wird. Da ist es keine Seltenheit, dass der „Evening Standard“ dem Protest schon einmal seine Titel-Schlagzeile widmet. Hinter diesen Prozessen stehen üblicherweise mehrere Arbeits- und Sub-Arbeitsgruppen, die wiederum an die Hauptversammlungen berichten.
  • Die Regelmäßigkeit von Veranstaltungen: Sogenannte General Assemblies finden täglich statt, üblicherweise zweimal an jedem Standort. Nach dem Vorbild der spanischen Asamblea hat hier jedeR die Möglichkeit, eine Meinung zum jeweiligen Thema auszudrücken – eine Variante, die auch bei Protesten in Deutschland (z.B. in Berlin) angewandt wird. Das Asamblea-Modell bedient sich bestimmter Handzeichen und Codes, die auch in kleineren Arbeitsgruppen angewandt werden (gute Guides hierzu finden sich unter http://howtooccupy.org/).
  • Solidarisierungen von PolitikerInnen und Prominenten
    Sympathiebekundungen von KünstlerInnen (z.B. Designerin Vivienne Westwood), Parteivorsitzenden (Green Party-PolitikerIn Caroline Lukas ist beispielsweise gern gesehene Sprecherin vor Ort) und WissenschaftlerInnen (z.B. dem Soziologen Manuel Castells) tragen zu einem lebendigen Flair des Camps bei. In der Tent City University und Bank of Ideas organisiert man täglich mehrere Workshops und Vorträge. Diese hohe Rate an freien Events macht viele neugierig, die noch nie vor Ort waren; sie führt aber auch dazu, dass externe Organisationen in Aktivitäten eingebunden werden.

Ein Highlight dieser Woche war sicherlich der Überraschungsauftritt von Bandmitglieder von Massive Attack und Radiohead in der Bank of Ideas, der die Ankündigung des Labels „Occupation Records“ (mit Unterstützung der beiden britischen Bands) folgte.

“We’re like a mushroom” – Eindrücke vom Occupy London (CC) Judith Schossböck

Globale und lokale Schwerpunkte
Oft diskutiert ist die Frage: „Wofür bzw. für welche Forderungen steht die Bewegung eigentlich?“ In London werden gerade die Folgen falscher Prioritäten der britischen Politik angeprangert (von der Schließung öffentlicher Orte wie Jugendzentren oder Bibliotheken bis zur Umweltpolitik), daneben diskutiert man in den Abend-Versammlungen über die weltweiten Entwicklungen. „We try to model alternative versions of society“ hat es ein Freund von mir neulich ausgedrückt. Sich an dieses Modell zu halten, kann oft anstrengend sein: jede Stimme zu hören, bestimmte Kommunikationskulturen zu beachten, oder über dem internen Organisationsaufwand nicht auf die Außenpolitik zu vergessen – all das kann Zeit und Kraft kosten. Für die meisten der hier Beteiligten ist es jedoch ein notwendiger Prozess.

We’re like a mushroom, the articulation of an idea. Zhe government is not going to whipe us out.

TeilnehmerIn zur Nachhaltigkeit der Bewegung

Auf globaler Ebene, aber auch für Interessierte vor Ort könnte das Bild der Bewegung recht divers ausfallen – denn so unterschiedlich, wie die Interessen der BesucherInnen und damit die Eindrücke an einem Informationsstand vor Ort sind (PolitikerInnen und JournalistInnen diskutieren hier mit Obdachlosen und SozialarbeiterInnen), so unterschiedlich ist das, was Occupy für jeden einzelnen davon bedeutet. Dementsprechend riesig ist auch oft der Gap, der zwischen externer Berichterstattung und dem subjektiven, internen Erleben der Bewegung empfunden wird. Denn viele, die hier neben ihrer regulären Arbeit in Arbeitsgruppen engagiert sind, vereint vor allem eines: Das Interesse an aktuellen politischen und ökonomischen Prozessen, sozialer Gerechtigkeit und die Forderung nach Veränderung. Denn: „Caring is everyone’s business.

“We’re like a mushroom” – Eindrücke vom Occupy London (CC) Judith Schossböck

Weitere Aktivitäten vor Ort

  • 10.12.2011: Day of artistic expression (paintings, sculptures, designs…) at St. Paul’s Cathedral
  • 15.12.2011: Occupy Everywhere – National Day of Action (2 Month’s Occupation Anniversary)
  • 18.12.2011: Big Green Day (speakers, events and actions for environmental justice) at St. Paul’s Cathedral
  • All-time: Workshops at Bank of Ideas
  • All-time: General Assembly, talks and workshops Tent City University

Weitere Informationen

Die hier dargestellten Eindrücke basieren auf meinen Beobachtungen und meiner Beteiligung im Rahmen von Occupy London, insbesondere OccupyLSX, Bank of Ideas sowie der Mitarbeit in entsprechenden Arbeitsgruppen (z.B. Outreach; Energy, Equity and Environment) und an Aktivitäten im November und Dezember 2011.

Judith Schossböck lebt in Wien und forscht im Bereich Kommunikationswissenschaft und E-Governance. Ihr Interesse gilt u.a. sozialen Bewegungen und Protestkulturen, insbesondere im Kontext neuer Medien, Internet-Strukturen und globaler Kommunikation.

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Kommentare

  1. Grossartiger Beitrag!
    Vielen Dank ich finde es wird viel zu wenig in den grossen Medien darüber Berichtet!

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