Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 9: Politischer Hausarrest
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 3: Im Zeichen des runden Leders
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 1: Anflug auf Quito
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 2: Expedition in den armen Süden
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 4: Ausnahmezustand!
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 5: Kein Alltag in Sicht
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 10: Zeit für Abschiede
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 6: Negative Tendenz
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 7: Welcome to the jungle
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 8: Von Bussen und Gastfreundschaft
- Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 9: Politischer Hausarrest

(CC) Manuel Daubenberger
Der nächste Tag begann mit Hausarrest. Aufgrund einer Volkszählung, die alle zehn Jahre stattfindet, herrschte am Sonntag von sieben bis fünf Uhr in allen urbanen Zentren Ausgangssperre und Reiseverbot. Zudem trat von Samstag 0 Uhr bis Sonntag 0 Uhr das „Ley Seca“, das trockene Gesetz in Kraft, das ein absolutes Alkoholverbot zur Folge hatte. Meine Mitbewohnerin ließ sich in Riobamba registrieren, so dass ich mich als alleiniger Bewohner des Vier-Zimmer-Appartments ausgeben sollte. Um 7.30 Uhr standen drei zwischen 14 und 16 Jahre alte Schülerinnen in meiner Tür, denen deutlich anzumerken war, dass ich ihr erstes Interviewpartner des Tages war. Ansonsten hätten sie mich wohl eher nicht gefragt, ob ich in an einer Straße, einer Autobahn, im Wald oder entlang eines Flusses wohne; oder ob ich elektrisches Licht und fließendes Wasser habe. Dinge die in weiten Teilen Ecuadors legitime Fragen darstellen, aber eher nicht im Norden Quitos. Bei einigen Fragen hatte ich dann doch Probleme, mich als legitimer alleiniger Bewohner der Wohnung auszugeben. Denn ich wusste nicht wirklich, wie viele Lampen ich besitze und wie viel wir im vergangenen Monat für Wasser und Strom bezahlt haben.
Nachdem ich meine Bürgerpflicht erledigt hatte, verbrachte ich einen relativ entspannten Tag und wagte mich später noch auf die verlassenen Straßen Quitos. Dort war tatsächlich nur die Polizei und das Militär unterwegs, um Menschen wie mich wieder nach Hause zu schicken. Ein sehr gespenstisches Bild, das etwas von einem Endzeit-Hollywood-Film hatte. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen von knapp über 1000 Festnahmen. Davon hatten 950 gegen das Alkoholverbot und 100 gegen die Ausgangssperre verstoßen.
Die darauffolgende Woche kasernierte ich mich in meinem Zimmer ein, um endlich einmal mit meiner Magisterarbeit voranzukommen, bevor am Wochenende die Fiestas de Quito anstanden.
Während der Fiestas de Quito feiern die Bewohner ein verlängertes Wochenende lang die Gründung ihrer Stadt am 6.Dezember. Dazu gehören Stierkämpfe, Paraden und sehr viel Alkohol.Eine der Traditionen ist die Fahrt in und auf einem offenen Bus mit Blaskapellen, dem sogenannten Chiva. Nach einer Chiva-Fahrt mit einigen Canelazos, einem Zimt-Orangen-Punsch mit Zuckerrohrschnaps, machte ich mich mit Freunden auf den Weg in den Mariscal.
Das Vergnügungsviertel war vollkommen überlaufen und wurde von Militärs mit Schrotflinten und Maschinengewehren bewacht. Die Fiestas de Quito sind eine Hochzeit für Kriminelle und außerdem sterben jedes Jahr zwischen 20 und 60 Menschen bei Verkehrsunfällen. Den Rest des Abends verbrachten wir nicht in Gringolandia, sondern auf einer Stadtviertel-Feier.
Am nächsten Tag besuchte ich mit 40.000 anderen das kostenlose Festival „Feria de Quitumbe“, wo die bekannteste Hiphop-Gruppe Lateinamerikas, „Calle 13“ aus Puerto Rico, spielte. Der sowieso immer überfüllte Trole-Bus glich an diesem Abend der Tokioter U-Bahn, so dass wir uns einen Platz in der Sardinenbüchse erzwingen mussten.
Am Sonntagmorgen wachte ich relativ früh auf und wollte mir eigentlich einen gemütlichen Morgen machen, ehe die Feiern am Nachmittag ihrem Höhepunkt entgegen steuerten. Dieser Plan änderte sich allerdings als ich meiner Nachbarin über den Weg lief, die aufgrund ihres Trikots offensichtlich auf dem Weg zum Finale der ecuadorianischen Liga zwischen Liga de Quito und Emelec Guayaquil war. Die Tatsache, dass sie noch Platz im Auto und eine Karte übrig hatte, sah ich als Wink des Schicksals. [...]
Das Spiel wurde 2:0 gewonnen, so dass die Chancen für das Rückspiel am kommenden Sonntag und die nächste rauschende Feier in Quito hoch sind. Im Anschluss an das Spiel ersparten wir uns die nervige Taxifahrt im Stau und bestiegen stattdessen einen Chiva, der uns zwar nicht schneller, aber günstiger und mit Musik und Alkohol in die Stadt zurückbrachte. Im Parque La Carolina wurde ich dann von einem Transvestiten-Clown in ein Straßentheater verwickelt.
Den restlichen Nachmittag und Abend verbrachte ich mit neu gefundenen ecuadorianischen und kolumbianischen Freunden in einer Bar und auf einer privaten Feier in einer Gated Community. Die Nacht endete allerdings nicht dort und so fand ich mich im absoluten Norden Quitos in der Nähe des Stadions auf einer Straßenparty wieder. [...] Etwas angeschlagen quetschte ich mich am nächsten Morgen in den Trole-Bus auf den Weg zum The-Wailers-Konzert im Süden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die Hölle ein Trole-Bus mit Kater ist, war die Tatsache „Redemption Song“ und „Free Little Birds“ live zu hören, die Qual absolut wert. Damit endete auch eines der verrücktesten Wochenenden meines Lebens.
Am Dienstag fuhr ich zum nächsten Spiel des Dorfturniers und zum Unterrichten nach Baeza. Nachdem wir bereits in der fünften Minute den Englischlehrer David wegen einer Tätlichkeit verloren hatten und direkt im Anschluss das 1: 0 und 2:0 kassierten, rannten wir das komplette Spiel an, nutzten unsere Chancen allerdings nicht, liefen immer wieder in Konter und verschossen einen Elfmeter. Nachdem ich selbst eine unserer besten Chancen vergeben hatte, fluchte ich doch etwas sehr ecuadorianisch über mich selbst und wäre beinahe vom Platz geflogen. Am Ende verloren wir 5:2. Da das andere Team allerdings einige nicht spielberechtige Spieler einsetzte, wurden das Spiel annulliert und somit haben wir noch alle Chancen in die nächste Runde zu kommen.
Bei den Konversationsübungen mit meinen Schülern freute ich mich sehr, einen deutlichen Fortschritt zu beobachten. Selbst die schlechtesten können sich einigermaßen ausdrücken und mit den Besten kann ich mich mittlerweile über einfache Dinge normal unterhalten, was in Ecuador eine Menge ist. Außerdem wurde ich zum „Cena de Navidad“, dem „Weihnachtsabendessen“ am 23.Dezember eingeladen. Eine schöne Gelegenheit für das vermutlich letzte Treffen mit meinen Schülern.





