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neuwal.com | 16.04.2014

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Magister o muerte – (politische) Post aus Ecuador, Teil 7: Welcome to the jungle

Zuletzt zog es Manuel Daubenberger in die Verlassenheit des Regenwaldes. Die Estacíon Biodiversidad Tiputini ist einer der besten Orte der Welt, um den Dschungel aus nächster Nähe zu beobachten. Welche Tiere er dort alles zu sehen bekam, warum Ölförderung dort eine große Rolle spielt und wie es sein Guide schaffte, sogar Ameisen spannend zu machen, lesen Sie hier!

(CC) Manuel Daubenberger

(CC) Manuel Daubenberger


Welcome to the jungle…


Kaum vom Strand zurück, saß ich auch schon im kleinsten Flugzeug meines Lebens, auf dem Weg in den Amazonas-Regenwald. Nach 25 Minuten Flugzeit mit traumhaften Blick auf die ecuadorianischen Vulkane landete ich gemeinsam mit 19 anderen Austauschstudenten in Coca. Von dort fuhren wir zwei Stunden mit dem Boot bis zum Gelände einer amerikanischen Ölfirma. Dort wurden wir durchgecheckt, wie bei der Einreise in ein anderes Land. Pass und Gepäck wurden kontrolliert, ehe wir die zweistündige Busfahrt durch das Gelände antreten konnten.

Am Rande der Zivilisation
Am Fluss Tiputini angekommen verbrachten wir nochmal zwei Stunden in einem Boot, bis wir in der Mitte des Nirgendwo oder auch bekannt als Estación de Biodiversiad de Tiputini angekommen waren. Die Station wurde vor zwanzig Jahren von meiner Gastuniversität gegründet und ist unabhängig von dem nahegelegenen Nationalpark Yasuni. Licht, Elektrizität und Mahlzeiten gibt es nur zu bestimmten Tageszeiten, Handyempfang überhaupt nicht. Und so war es ein Ausflug fern von der Zivilisation.

Bewahrt vor der Zivilisation
Dank der in der Gegend lebenden Huaroni-Indianer, die bis vor zwanzig Jahren jeden Fremden einfach töteten, wurde Tiputini gut vor den Angriffen der Zivilisation bewahrt. Und aufgrund der Arbeit der Universität der letzten zwanzig Jahre ist die Station heute einer der Orte der Welt, mit der größten Biodiversität und großen Chancen, wilde Dschungeltiere zu beobachten.

Früher Start, dichtes Programm
Die Tage begannen immer sehr früh: Um 6.30 Uhr gab es Frühstück, kurz darauf stand die erste Tagesaktivität an. Für meine Gruppe bedeutete dies am ersten Tag, eine Wanderung zu einer Aussichtsplattform auf einem Ceiba-Baum und anschließend wackelnde Hängebrücken. Schon auf der ersten Wanderungen sahen wir die erste von insgesamt zehn Affenarten. Auf dem Ceiba-Baum thronten wir dann über den Baumkronen des Urwaldes und durften Papageien, Kolibris, Tukane und unzählige andere Vogelarten beobachten.

(CC) Manuel Daubenberger

(CC) Manuel Daubenberger

Die Leiter ins Nichts
Die anschließenden Hängebrücken waren eine große Herausforderung für Menschen mit Höhenangst. Während die Hängebrücken, vor allem dank der Tatsache, dass wir angeleint waren, für mich eher nicht so das Problem darstellten, war mir auf der Leiter ins Nichts doch etwas mulmiger zumute. Auch die unzähligen Ameisen, Wespen, Moskitos und andere Krabbelviecher, die es vor allem auf Augen und Ohren abgesehen hatten, waren dort oben nicht so angenehm. Immer wieder begeisterten uns die Fähigkeiten unseres Guides, der manchmal mitten im Gespräch innehielt, schnüffelte und uns zur nächsten Affenart führte.

Baden mit Piranhas
Nach einem traumhaften Mittagessen, das vermutlich doppelt so gut schmeckte, weil wir nach der anstrengenden Urwaldtour alle am Verhungern waren, kühlten wir uns im Fluss ab. Die Strömung trieb einen zwar eher Richtung Land, aber dennoch war das Baden nur mit Schwimmweste erlaubt. Denn hätte uns die Strömung abgetrieben, wäre das nächste Ziel Peru gewesen. Etwas gruselig war das Gefühl schon, in einem Fluss zu schwimmen, in dem glücklicherweise vor allem nachts, auch Piranhas, Anacondas und Kaimane ihr Unwesen treiben.

(CC) Manuel Daubenberger

(CC) Manuel Daubenberger

Delfine und Frösche
Nachdem wir uns mit einem kaputten Fußball auf einem matschigen Volleyballfeld bei der neu erfundenen Sportart Tipu-Volley verausgabt hatte, ging es wieder in den Fluss. Dieses Mal ließ sich die gesamte Gruppe vom Boot aus den Fluss entlang treiben und einige hatten sogar das Glück Delfine zu sehen. Nach einem wieder sehnsüchtig erwarteten Abendessen machten wir uns auf zu einer Nachtwanderung in den Dschungel. Während der nächtlichen Tour sahen wir einen Pfeilgiftfrosch, unzählige verschiedene Grillen, Heuschrecken und Spinnen.

Der Dschungel erwacht
Da ich von einer Freundin den Tipp bekommen hatte, vor Sonnenaufgang auf dem Ceiba-Baum zu sein, machte ich mich mit acht anderen Personen, die bereit waren noch früher aufzustehen, am nächsten Morgen um fünf auf die nächste Wanderung. Auch wenn die Chancen nicht groß sind, einem Jaguar, Panther oder Puma zu begegnen, im Morgengrauen und ohne Guide fühlte sich der Dschungel doch etwas anders an. Trotz fehlendem Sonnenaufgang und nur wenigen Tieren, war es ein großartiges Gefühl, den Dschungel von hoch oben erwachen zu hören.

Böse Raupen, heilende Lianen
In den nächsten beiden Wanderungen verblüfften uns die Fähigkeiten unseres Guides noch mehr. Wir sahen nicht nur vier weitere Affenarten, die teilweise unglaublich versteckt waren. An einer Stelle des Pfades machte er Halt und fing einen winzigen Frosch. Einen fiesen, sehr schmerzhaften Raupenstich einer Freundin heilte er mit einer Liane. Aber die größte Leistung war es vermutlich eine Fliege mit zwei Fingern aus der Luft zu fangen, ohne sie dabei zu töten. Er zeigte uns unterschiedliche Pflanzen, mit denen die Eingeborenen ihr Kunsthandwerk und ausländische Touristen ihre Zungen einfärben.

Ameisen aller Art
Sogar Ameisen waren mit ihm spannend. Eine fünf Zentimeter große Ameisenart verursacht so schmerzhafte Bisse, dass bereits drei Bisse zu einem schlimmen Fieber führen. Eine andere Ameisenart wird von den Eingeborenen verwendet, um Wunden zu klammern, da sie sich im Fleisch festbeißen und selbst nach Abtrennen des Körpers nicht loslassen. Die nächste Ameisenart schmeckte nach Zitrone und die Blattschneideameisen erinnerten an deutsche Effizienz. Entlang einer Dschungelautobahn tragen sie die Blätter in Richtung ihres Baus, während andere Ameisen zwischen ihnen zurückströmen. Sie verwendeten an einer Stelle sogar einen Ast als Brücke. Aber sobald man eine Ameise nur fünf Zentimeter von der Route versetzt oder ein Hindernis in den Weg stellt, ist die deutsche Gründlichkeit vorbei und die Arbeitsweise erinnert wieder stärker an Lateinamerika. Die Eingeborenen nutzen die Blattschneideameisen auch zur Entspannung, da sie auf dem Körper angeblich wie eine Massage sind. Ein Eigenexperiment hat mich allerdings eher weniger überzeugt, den Bissschmerzen empfinde ich dann doch eher weniger entspannend – aber ich bin ja auch kein Indio.

(CC) Manuel Daubenberger

(CC) Manuel Daubenberger

Gruselige Kanufahrt
Die Kanufahrt auf einem Dschungelsee war wohl mit einer der gruseligsten Dinge, die ich bisher gemacht habe. Mit dem Wissen von unzähligen Anacondas im trüben Wasser und zwanzig Zentimeter über der Wasseroberfläche hätte es das furchterregende Geschaukel des winzigen Kanus nicht wirklich gebraucht. Auf der Bootsfahrt zurück zum Camp hatten wir dann noch das Riesenglück, einen pinken Süßwasserdelfin zu sehen. Die letzte Bootsfahrt war zeitlich perfekt auf den Abend vor der Abreise gelegt. Denn nach den unzähligen Kaimanen, die wir am Ufer oder im Wasser erspähten, wäre am nächsten Tag wohl keiner mehr im Fluss baden gegangen.

(CC) Manuel Daubenberger

(CC) Manuel Daubenberger

Yasuni-Regenwaldprojekt
Neben den zahlreichen Tieren und Pflanzen hatte ich nicht nur eine tolle Zeit mit den anderen Austauschstudenten, sondern auch das Glück ein kanadisches CBS-Filmteam beim Dreh zu treffen. Die beiden Quebec-Kanadier waren gerade dabei einen Film über Öl in Ecuador zu drehen. Ein wichtiger Bestandteil des Films ist das Yasuni-Regenwaldprojekt, von dem ich schon an anderer Stelle in diesem Blog erzählt habe. Ecuador fordert dabei von den Industrienationen finanzielle Unterstützung, um die großen Erdölvorkommen im Naturschutzgebiet nicht auszubeuten. Wegen der Furcht vor mangelnder Verlässlichkeit oder mangelndem politischen Willen des Entwicklungsministers Dirk Niebel hat Deutschland die, vom Parlament bereits bewilligten, Zahlungen erst einmal gestoppt.

Im öffentlich-rechtlichen Auftrag
Nachdem ich der Meinung war, dass die deutschen Öffentlich-Rechtlichen zu wenig für die Auslandsberichterstattung tun, schockierte mich die Abdeckung der Welt durch CBS vollends. So unterhält CBS nicht nur kein Büro mehr in Lateinamerika und Afrika, sondern schloss vor kurzem auch das Büro in Moskau. Die gesamte Europaberichterstattung wird von Paris aus durchgeführt. Kommt es zu größeren Ereignissen, wie dem Erdbeben auf Haiti müssen Kameramann und Redakteur extra aus Nordamerika einfliegen. Am Schluss konnte ich den beiden Kanadiern sogar noch mit einem Interviewpartner helfen. David, mit dem ich zusammen im Amazonas unterrichte, ein früherer Berater des Umweltministers und hat eine sehr kritische Meinung zum Yasuni-Regenwaldprojekt. So könnte es sein, dass die Begegnung im Nirgendwo noch irgendeinen Sinn in der Zukunft haben wird.

Auf der Rückfahrt mit dem Boot wurde das gute Charma unserer Gruppe noch ein letztes Mal bestätigt. Direkt vor unserem Boot durchquerte das nur sehr selten von Menschen zu beobachtende Tapir den Fluss. Nach vier Tagen waren wir Montagabends wieder in Quito und mein mit Sicherheit intensivstes Naturerlebnis beendet.

Stadt in Aufruhr
Nach der Reiserei der letzten Wochen habe ich mich diese Woche wieder etwas intensiver um die Magisterarbeit gekümmert. Die Beendigung der Lektüre der ALBA-Originaldokumente belohnte ich mit dem Viertelfinale der Copa Suramericana. Liga de Quito spielte gegen das argentinische Team Newell´s Old Boys und dieses Mal war das Stadium im Gegensatz zu meinem letzten Spiel ausverkauft. Die Stimmung war dementsprechend wesentlich besser. Die ganze Stadt war in Aufruhr und aufgrund eines 1:0-Sieges werde ich wohl auch beim Halbfinale wieder dabei sein.

Multikulti-Treffen
Das Wochenende werde ich wohl eher arbeitend verbringen, da ich in der kommenden Woche vier Tage Englisch nordwestlich von Quito unterrichten werde und kommendes Wochenende mit einer Busladung voll Austauschstudenten zum Dorffest im Ort, wo ich unterrichte fahren werde. Das wird sicher ein spannendes Multikulti-Treffen.

Entonces hasta la próxima!

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