Die Politik am Irrweg Web 2.0
In etwas mehr als einem Monat wird Österreich sich entscheiden, wer die nächsten (womöglich) fünf Jahre im Nationalrat sitzen soll. Und im Gegensatz zum letzten Wahlkampf bemerkt man die mediale Überflutung durch Wahlwerbung nicht nur im TV, den Printmedien oder auf Plakatwänden. Denn neben den herkömmlichen Parteihomepages haben auch so manche Spitzenkandidaten ihre eigenen Seiten, und Partei-Community-Seiten sprießen nur so aus dem Boden.
Ich hätte hier jetzt wieder alle Seiten der Parteien verlinken können, doch heute möchte ich hinterfragen, was sich die Parteien erwarten und welche Resonanz sie bekommen.
Die SPÖ startete ja die Scheincommunity “Neue Politik“: Das Anmelden bringt keinen richtigen Vorteil, noch dazu ist man verpflichtet, neben seiner Adresse auch seine Telefonnummer bei der Registrierung preiszugeben. Schlussendlich entsteht dadurch nur die Möglichkeit sich für die SPÖ und die sogenannte “Neue Politik” zu entscheiden, einen Spruch zu nennen, was man unter neuer Politik versteht, und kann dazu auch noch ein (Party-Bild) von sich hochladen.
Die ÖVP nennt ihre Community “oeropa” [öropa]. Im Gegensatz zur Neuen Politik kann man auch von seiner Anmeldung profitieren. Man bewertet Plätze in Österreich und kürt z.B. wie jetzt die beste Feuerwehr Östereichs. Der Grundtenor ist aber, Österreich in Europa zu stärken, und Europa bzw. die EU für die Österreicher interessanter zu machen. Die zweite Community der ÖVP findet man unter zukunft.at. Was an dieser Seite gefällt sind die Foren, durch welche Interaktivität zwischen den Usern ermöglicht wird.
Außerdem wird auch das LIF etwas beginnen und den Online-Auftritt mehr Web 2.0 machen.
Doch jetzt möchte ich mal der Frage nachgehen: Ist es das, was im Internet sein soll? Bekommt man so besseren Zugang zu den Politikern und Parteien? Lockt man so die Jugendlichen zu den Wahlurnen? Ich möchte nach einer Diskussion über Online-Wahlkampf im Web 2.0 am BarCamp Traunsee einmal meinen Standpunkt offenbaren.
Warum kommen die Parteien eigentlich erst jetzt drauf, dass das Internet schon in die Mehrzahl der österreichischen Haushalte Einzug gehalte hat. Und warum muss alles, was sie nun im Internet machen, so unglaublich Web 2.0 sein?
Bild: (c) SPÖ, www.neuepolitik.at, http://img187.imageshack.us/my.php?image=spoene8.jpg
Dass die Web 2.0 - Auftritte nicht unbedingt hilfreich sein müssen, zeigt der Aufruhr rund um die “Neue Politik”. Schon klar, von “user generated content”, also von Mitgliedern generierter Inhalt, kann nicht wirklich gesprochen werden, viel mehr von Leserbriefen mit Bildern. Alles schön selektiert. Aber ob man dann gerade das als “Neue Politik” ansieht, bleibt natürlich dahingestellt.
Die SPÖ hat nach diesem Beitrag das Bild von der flickr-Plattform gelöscht. Möchte man aber doch noch sehen, was u.a. unter der Neuen Politik verstanden wird, klickt einfach hier links. Aber leider hat die SPÖ nicht verstanden, dass die ganze Aktion misslungen ist. Partybilder schön und gut. Nur dann eben bitte ohne Logo und Spruch.
Viele Web 2.0-Auftritte der Parteien wirken schnell zusammengeschustert, lieblos gestaltet und wenig nachhaltig aufgebaut. Natürlich muss man eingestehen, dass die Neuwahl mehr oder weniger überraschend kam und der Wahlkampf um einiges kürzer als normal ist. Doch jetzt überall auf Parteiauftritte und Kandidatenaccounts bei Web 2.0-Services zu finden, ist auf Dauer auch nicht nur Werbung.
Zum Beispiel Wilhelm Molterers Twitter-Account. Er stellt zwar relativ häufig neue Einträge online, verbindet es mit der Plattform Twitpic um zu seinen Auftritten auch Bilder zu liefern. Doch Kontakt zu seinen Followern (Leute, die bei Twitter seine Nachrichten empfangen) baut er keinen auf. Schon mehrmals wurde er deswegen kritisiert. Und auch die Twitpic-Bilder sehen sehr unprofessional und oft verschwommen aus. Das geht einfach noch um einiges besser.
Nur die Diskussionsbereitschaft von Eva Lichtenegger, die auf Facebook in ihrer Rolle als Grüne EU-Parlamentarierin in Kontakt mit den Menschen trat. Diskussionen zum Thema Europa, den EU-Vertrag, Umwelt- und Datenschutzthemen konnten mit ihr als aktive Teilnehmerin geführt werden. Und darin sehe ich auch die Zukunft von Internetwahlkampf.
Warum bloggt nicht ein jeder Spitzenkandidat? Und das nicht nur vor der Wahl sondern stetig. Dadurch würden Politiker ihren abgehobenen Standpunkt verlieren, näher in Kontakt mit den Menschen treten und auch Diskussionen starten. Auffällig ist zum Beispiel jetzt noch die Unmöglichkeit, zu Videos auf YouTube Kommentare zu schreiben. Natürlich wäre ein Aufwand zur Moderation der Kommentare nötig, aber erst darin besteht die Idee von Web 2.0. Und das haben wohl die Politiker im Eifer des Wahlkampfes wohl vollkommen vergessen.
Lesetipp (Update 25.08.2008)
Neue Politik und doch alte Methoden (wissenbelastet.com)
Tags: heide schmidt, laura rudas, LIF, ÖVP, SPÖ, Werner Faymann, Wilhelm Molterer
































































August 24th, 2008 at 10:05 pm
Wilhelm Molterer ist auch im StudiVZ hab ich eben gelesen: http://www.twitter.com/wilhelmmolterer/statuses/897542408 mit der meiner Meinung nach anbiedernden Frage: “Willst Du Willi als Freund?”
An dieser Stelle sage ich: “Nein, möchte ich nicht!”. Und das nicht aus politischen Gründen.
Ich habe mir nun die Web- und Werbeaktivitäten der ÖVP genauer angeschaut, Sachen ausprobiert und bin enttäuscht. Dem User wird nicht zugehört. Dem potentiellen Wähler wird nicht zugehört.
Wenn das Web als reines eindimensionales Medium genutzt wird, wenn Interaktion abgestellt wird, wenn Mails von der ÖVP nicht beantwortet werden, wenn Antworten auf der Website deaktiviert werden, wenn man nur passiver Zuhörer (Leser) ist - nein, Danke. Das ist nicht meine Vorstellung von Dialog mit Politik. Das ist mir eindeutig zu platt und aufgesetzt.
“Massive Passive”.
August 24th, 2008 at 11:46 pm
Ich followe (oder wie das verdeutscht heißen soll) dem Molterer über Twitter jetzt schon seit bald einer Woche. So viel Belangloses habe ich noch nicht gelesen. Es kommt weder mit Themen, noch mit Meinungen oder nimmt irgendwie Stellung. Nichts. Nur ein dauerndes Herumwandern und ständiges Händeschütteln, wie es wirkt. Es macht mich richtig grantig, wenn ich so sehe, wie extrem falsch die Idee hinter Web 2.0 mit seinen neuen Kommunikationswege von Molterer und Co aufgefasst werden.
Würden Politker laufend bloggen, wäre das großartig. So hätte man wirklich Zugang. Aber ich glaube sobald der Wahlkampf vorbei ist und sie dann an der Macht sind oder einfach in ihren Funktionen, werden das Twittern und Bloggen aufhören. Da wäre dann glaub ich zu viel Angst vor Stellungnahme und vor allem vor den Reaktionen, vor den Meinungen, der Leser da.
September 9th, 2008 at 2:09 pm
[...] Online-Tagebücher und Blogs mögen ein gemächlicher Anfang sein, aber es gehört mehr dazu, die Wähler auf sich aufmerksam zu machen, in die eigenen Aktivitäten einzubinden und sie obendrein zu belohnen. Hier hat die Politik viel von erfolgreichen Marken zu lernen – schließlich ist eine Partei auch nichts anderes als eine Marke. Interaktive Tools, Viral-Marketing sowie Mundpropaganda-Marketing stecken hier noch in den Kinderschuhen bzw. werden falsch verstanden. [...]
September 10th, 2008 at 9:52 am
päpstlicher als der papst.
na gut, ich find das auch toll und spannend welche möglichkeiten sich eröffnet haben und bla bla bla bla. aber ich denke nicht dass nur ein bloggender politiker ein guter politiker ist, das wäre doch lachhaft. jemand hätt dem molterer willibald halt sagen müssen wie die userschaft tickt, dann hätte er sich womöglich auf das “abenteuer twitter” nicht eingelassen. warum auch.