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Was als großes europäisches Projekt begann, führt nun die Hochschulen mehr und mehr in die Misere. Der Präsident der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, erklärt, warum der Bologna-Prozess so falsch gelaufen ist.
Mit Gewinnspiel.

Dieter Lenzen
DieterLenzen (2)1947 geboren, studierte Erziehungswissenschaften, Philosophie und mehrere Sprachen. Nach Professuren im In- und Ausland wurde er Präsident der Freien Universität Berlin und später der Universität Hamburg. Er ist Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und gilt als einer der profiliertesten Kritiker des Bologna-Prozesses.

Kritik am Bologna-Prozess ist nicht neu, aber selten hörte man ihn von sozusagen oberster Stelle: Schon die damaligen #unibrennt-Proteste befassten sich mit der Reform, die vieles europäischer und vergleichbarer machen sollte, aber in Wahrheit viel mehr Probleme schuf. In einem Telepolis-Artikel aus dem Jahre 2009 1 wird zwar erklärt, dass gerade ProfessorInnen und HochschullehrerInnen zu den größten Kritikern gehören, jedoch aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Linie keine Aufmerksamkeit bekommen. Der ullstein Verlag und Dieter Lenzen versuchen es mit einem leuchtend gelben Essay namens „Bildung statt Bologna!“

Info: Was ist der Bologna-Prozess?
„Bologna-Prozess“ ist die Bezeichnung für die „die Maßnahmen, Instrumente und Bestrebungen zur Schaffung und Umsetzung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraumes. Es handelt sich dabei nicht bloß um eine bildungspolitische Reform, sondern um Bestrebungen im Sinne der Stärkung Europas als Hochschul- und Forschungsstandort, der Förderung der Internationalisierung und der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit.“ 2

In Österreich verschwanden dadurch mit der Zeit zu einem großen Teil die Universitätsabschlüsse Magister und Doktor – stattdessen gibt es nun den Bachelor, den Master und als Ersatz für den Doktor den sogenannten „PhD“ („Doctor of Philosophy“).

Mehr Infos kann man am Besten auf Wikipedia nachlesen.

Mit seinem Essay möchte Lenzen einen „notwendigen, längst überfälligen Beitrag zur Bildungsdebatte in Deutschland“ liefern. Aber seine Überlegungen können auch ohne Probleme auf die österreichische Hochschulbildung umgelegt werden: die fehlende Wertigkeit des Bachelorabschlusses, die Masse an Prüfungen um die ECTS-Punkte (ECTS = eine einheitliche Maßeinheit um den Aufwand und die Leistungen im Studium international vergleichbar zu machen, ein Bachelorstudium besteht aus mind. 180 ECTS-Punkten) zu erreichen, die fehlenden Investitionen durch die Politik und der Wandel vom Bildungsinstitut zum Ausbildungsinstitut. All das sind Themen, die auch in Österreich Realität sind.

Es gab also einen Bedarf an Einheitlichkeit. Da Einheitlichkeit indessen dem Grundgedanken allgemeiner Bildung zuwiderläuft – denn Bildung heißt Herausbildung einer mit sich (und nicht mit allen anderen) identischen Persönlichkeit -, musste es zu einer Orientierung an solchen Inhalten kommen, die ihrer Natur nach vergleichbar und messbar sind. 3

Wahrscheinlich hätte die Bologna-Reform Potential gehabt. So erscheint es zumindest bei der Lektüre von Lenzens Ausführungen zu Beginn des Buches. Als er dann aber unzählige Punkte aufzählt, bei denen dieses System vollkommen versagt, und das aus dem Mund eines Universitätspräsidenten, erkennt man vollkommen falsche Richtung. Studierende stehen derart unter Druck, dass sie sich vor Prüfungsmarathons mit Ritalin (ein konzentrationsförderndes Amphetamin) vollstopfen, statt großen Examen stehen nun dauerhafte Leistungsbeurteilungen durch Prüfungen an, und eine Bildung abseits des gewählten Studiums wird immer schwierig und beinahe unmöglich gemacht. Studierende werden so, polemisch gesagt, schon auf die auf sie wartende (oder auch nicht?!) Arbeitswelt eingestellt.

Potentielle Lösungen nennt Lenzen auch: nachdem man schon die Titel aus den USA übernommen hat, sollte man sich überlegen, auch die Idee der „Colleges“ für Europa zu adaptieren: nach dem Schulabschluss zuerst ein Jahr College und dann Universität. Aktuell seien die ersten drei Jahre an der Uni „eine neue gymnasiale Oberstufe geworden, die statt mit dem Abitur mit einem BA endet“, mit einem College würde sich daran etwas ändern. Natürlich fordert er auch mehr Geld von der Politik, er fordert eine Liberalisierung der Hochschullehre. Und eine Rückentwicklung von Ausbildungsstätten zu Bildungsanstalten. Die Universitäten sollen nicht das duale System (Lehre & Hochschule) ad absurdum führen.

Da es sich bei den neuen Studiengängen nicht um ein Angebot, sondern um eine Zumutung handelt, kann Bildung in ihnen nicht stattfinden. Mit dem Bologna-Prozess ist das universitäre Geschehen also von einem Bildungs- zu einem Erziehungsprozess geworden. Die Universität ist von einer Bildungsstätte zu einer Erziehungsanstalt mutiert. 4

Dieter Lenzen bringt mit seinem Essy „Bildung statt Bologna!“ viele wichtige Punkte auf: Wäre #unibrennt noch wirklich aktiv, könnte dieses Werk die Streitschrift für den Hochschulbereich sein, wie es Stéphane Hessels „Empört euch!“ für die ganze Welt hätte sein sollen. Er erklärt, warum eine Änderung kommen muss, was schief gelaufen ist, und warum das Hochschulsystem Kontinentaleuropas ganz grundlegend unterschiedlich zum System in den USA und Großbritannien ist, und man das nicht als Nachteil, sondern als großen Vorteil sehen sollte. Ein spannendes kurzes Buch, manchmal etwas holprig zu lesen, aber insgesamt voller wertvoller Denkanstöße.

Bildung statt Bologna!Dieter Lenzen
Bildung statt Bologna!

Rettet die Hochschulbildung!
ullstein Verlag
Seiten: 108
ISBN: 978-3-550-08075-3

Preis: 10,30 Euro (Hardcover), 8,99 Euro (eBook) (Partnerlink)

Transparenz: Wir bedanken uns beim ullstein Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars – sowie eines weiteren Exemplar für das Gewinnspiel

Bildquelle Titelbild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Stefanjurca

Quellen und Fußnoten:

  1. Barth, Thomas (2009): Professoren-Protest gegen 10 Jahre „Bologna-Prozess“, heise.de/tp, Abrufdatum: 26.6.2014
  2. BMWFW (2014): Der Europäische Hochschulraum – Bologna Prozess, wissenschaft.bmwfw.gv.at, Abrufdatum: 26.6.2014
  3. Lenzen, Dieter (2014): Bildung statt Bologna!, Ausgabe: Taschenbuch, Berlin: ullstein, Seite 27
  4. Lenzen, Dieter (2014): Bildung statt Bologna!, Ausgabe: Taschenbuch, Berlin: ullstein, Seite 96
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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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