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Kevin und Jessica sind zu dumm, um „richtig“ zu wählen – und so geht es „Demokratisch in die Pleite“. Zumindest nach den Erzählungen von Christian Ortner. Sein bitterböses, polemisches Pamphlet liest sich aber manchmal doch als interessantes Plädoyer gegen Missstände der Demokratie.

Christian Ortner (*1958) ist Kolumnist und Autor. Er war Chefredakteur und Herausgeber der “WirtschaftsWoche”  und des Magazins “Format”. Seine Texte erscheinen unter anderem in den österreichischen Tageszeitungen “Die Presse” (jeden Freitag) und “Wiener Zeitung” (jeden Samstag) sowie gelegentlich im “Wall Street Journal” und der “Zeit”.

Weiteres Werk von Ortner, gemeinsam mit Franz Fischler: Europa – Der Staat, den keiner will (2006)

Er betreibt mit OrtnerOnline – zumindest laut dem Untertitel „das Zentralorgan des Neoliberalismus“ – einen Gemeinschaftsblog, zu dessen Autoren u.a. Franz Schellhorn, Andreas Unterberger und Werner Becher zählen.

„Prolokratie: Demokratisch in die Pleite“. Was soll man von einem frisch erschienen Buch mit einem solchen Titel erwarten? Nimmt es sich hier jemand heraus, über die ach so dumme, faule Masse herzuziehen? Ortner, der mit seinen Ansichten auf Twitter und seinem Blog nicht immer auf reinste Zustimmung stößt, wird doch wohl nicht schreiben, dass die Banken vollkommen unschuldig an der Krise sind, und in Wahrheit ja doch nur die „Proleten“ an allem Schuld seien? Nun ja, alles beginnt wirklich mit den namensgebenden Proleten. Ortner nennt sie (wie sollte es anders sein) Kevin und Jessica.

Sie ist ungebildet, unreflektiert, manipulierbar und ernährt sich intellektuell von Krawallfernsehen und Trash-Boulevard – jene Masse, an der sich Politiker aller Lager orientieren und die so letztlich bestimmt, wo es im Staat langgeht.

Die pointierte Polemik, die so überschwänglich am Buchrücken angekündigt wurde, fruchtet nicht wirklich. Hier ist sie also, die Hetzschrift gegen „Die Macht des Pöbels“. Doch was ätzend beginnt, wird im Laufe des Leseabenteuers doch noch interessant. Christian Ortner fragt sich, ob Demokratie wirklich die einzig mögliche bzw. beste Regierungsform sei. Und fügt hinzu, dass der Pöbel schon bei den alten Griechen als „Problem“ erkannt wurde. Anstatt eine interessante Diskussion zum Thema Alternativregierungsformen entstehen zu lassen, kommt er viel zu rasch wieder auf den von ihm so genannten und verhassten „Pöbel“ zu sprechen. Das passt zwar sichtlich in sein Weltbild, stellt aber die Ernsthaftigkeit seiner Aussagen sehr in Frage.

In weiterer Folge beschreibt er, dass 75 Prozent der Österreicher von den Nettozahlungen der restlichen 25%, jenen 2 Millionen Österreicher, welche „wirklich etwas leisten“, profitieren würden, und somit weiter jene Politiker wählen werden, die ihnen die schönsten Versprechungen machen.

Einerseits hat er nicht unrecht, wenn er sagt, dass die Politik oftmals mit „Geschenken“ herumwirft um Wählerstimmen zu gewinnen, die jedoch in Wahrheit jeglicher Logik und politischer Nachhaltigkeit entbehren. Andererseits hingegen begibt sich Ortner hier auf Romney-Niveau, in dem er von einer völlig absurden Grundgesamtheit ausgeht: laut Statistik Austria sind 17,7% der Bewohner Österreichs über 65 Jahre (haben also, wenn man das Wort so gerne wählt, bereits etwas „geleistet“), 21,2% der Bewohner sind bis 19 Jahre, und davon geht wohl der Großteil noch zur Schule. Übrig bleiben somit 61,9% zwischen 20 und 64 Jahren – nach Ortner  müsste man nun die 25% „wahren Leistungsträger“ abziehen, und was bleibt? Keine 75% Systemprofitierer, sondern (wenn überhaupt) 36,9%. Da hat er sich wohl ein bisserl verrechnet, der Herr Ortner.

Die weiterführenden Gedanken hingegen  interessanter: Soll es in Österreich ein „Oberhaus“ geben, einen „Weisenrat“, der bei sichtlichen Wahlgeschenken ein Veto einlegen kann? Soll sich der Staat weiter zurückziehen, damit nicht er, sondern die Menschen selbst das Geld gerecht verteilen? Er vertritt dabei keine neuen liberalen Theorien, vernetzt sie aber gelungen mit aktueller Demokratiekritik. Dass der Pöbel im Laufe des Buches nur mehr sehr beschränkt auftritt, beruhigt und lässt „Prolokratie“ viel eher als Plädoyer eines Wirtschaftsliberalen erscheinen. Die Demokratie steht am Wendepunkt, Überlegungen zur Weiterentwicklung sind herzlich willkommen. Aber mit dem Vorschlag, „Ungebildete“ auszuschließen, schafft er Unmut. Baut er die Demokratie zurück, wo sie bisher schon nicht funktioniert hat. Statt Politik verständlicher zu machen, die Bildung zu verbessern, oder was weiß ich, kann es nicht die Lösung sein, Wahlen nur für die „Erlauchten“ zu gestatten.

Wenn Erörterung durch Entertainment ersetzt wird und Erkenntnisstreben durch Zerstreuung, so tritt die Emotion an die Stelle der Ratio. Politik wird so in vielen Fällen ersetzt durch „Politik der Gefühle“ […], in der es nicht darum geht, die Wirklichkeit zu verändern, sondern das Ziel ist, beim Wähler das Gefühl zu erzeugen, die Wirklichkeit verändern zu wollen.

Die „Politik der Gefühle“ ist oftmals bereits Realität. Da kann man, so gerne man möchte, Ortner nicht widersprechen. „Prolokratie: Demokratisch in die Pleite“ hätte besser werden können. Es kann doch nicht Ortners Ernst sein, Menschen von Wahlen auszuschließen. So etwas braucht eine Demokratie nicht. Und dass er zudem mit falschen Zahlen spielt, überrascht dabei nur wenig. Hätte er sich auf seine Gedanken zur Veränderung der Demokratie beschränkt, hätte es ein wunderbares Buch werden können. So stehen einige wirklich interessante Denkanstöße vielen abwegigen Gedanken eines selbsternannten Elitemenschen gegenüber. Das ist schade.

Clara Hirschmanner hat das Buch für subtext.at ebenfalls rezensiert.

Christian Ortner
Prolokratie
Demokratisch in die Pleite

96 Seiten

edition a
ISBN 978-3990010471
Euro 14,90

Leseprobe auf OrtnerOnline

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