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Man kann es als Antwort auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sehen. Margot Kässmann erklärt in ihrer Streitschrift, warum eine offene Gesellschaft die einzige Antwort auf Zuwanderung sein kann. Und wir dabei auch unsere Grundwerte nicht aus den Augen verlieren dürfen.

 

Margot Käßmann wurde 1958  in Marburg geboren, ist evangelisch-lutherische Theologin undPfarrerin. Sie war von 1999 bis 2010 Bischöfin der evangelischen Landeskirche in Hannover und 2009/2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 2011 hat sie eine Gastprofessur für „Ökumene und Sozialethik“ an der Ruhr-Universität Bochum inne. Ab 2012 wird Margot Käßmann für die EKD als Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 tätig sein. Sie ist Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

Mediale Aufmerksamkeit erhielt sie, als sie 2010 betrunken mit dem Auto gefahren und von der Polizei aufgehalten wurde. Obwohl der Rat der Evanglischen Kirche einstimmig das Vertrauen aussprach, trat sie umgehend von ihren Ämtern zurück.

Gastfreundschaft kann als Ausgangspunkt sein für ein Miteinander, das auch Konflikte erträgt und dabei um Gemeinschaft ringt.

Margot Käßmann sieht ihre Streitschrift eher als ein Plädoyer, für eine offene Gesellschaft, für ein Miteinander. Und beruft sich, wahrscheinlich beruflich bedingt, auf die Bibel. Egal in welcher Übersetzung, das Thema Gastfreundschaft ist immer mal wieder Thema in dem Buch. Die schönste Übersetzung liefert übrigens die Züricher Bibel (übersetzt aus dem griechischen Original): „Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht!“ Diese biblischen Motive sind für Käßmann Grundlage für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Migration und Integration.

Zu Beginn erklärt sie noch, dass Europa selbst ein Resultat von Migration ist … ein Argument, das heutzutage aber nur mehr selten verstanden wird. In weiterer Folge aber zählt sie die Ängste auf. Vor der Fremde, vor unbekannten neuen Werten und Vorstellungen. Die Angst vor der Vielfalt oder auch die Angst vor der anderen Religion. Dass all diese Ängste unbegründet sind, versucht sie so gut wie möglich aufzuzeigen. Ein Problem, welches sie sieht: die Medien. Diese berichten nur über misslunge Integration, über kriminelle Zugewanderte, die in Wahrheit nur einen ganz geringen Bruchteil ausmachen. Die Erfolgsgeschichten bleiben aber die meiste Zeit im Verborgenen.

„Ein Bevölkerungsanteil, der andere abwertet, eine nationale Kultur, die andere degradiert und ausgrenzt – in der Tag, damit hat Deutschland dramatische, entsetzliche menschenverachtende und am Ende selbsvernichtende Erfahrung gemacht.“ Ja, Käßmann vergleicht die Migrations- und die Asylpolitik, die Politik der rechten Parteien heutzutage mit der NS-Zeit. Harte, aber wohl wahre Worte. Und auch auf die Anti-Einwanderungspolitik an „Europas“ Grenzen oder der Abbau unserer Grundrechte durch Überwachung macht sie zum Thema.

Wir können uns einbringen mit unserer Kultur und unseren Werten, und lernen Neues, Gastgebende und Gäste können Freunde, Nachbarn, Mitbürger, ja Teil der Familie werden.

Margot Käßmann fasst es eigentlich gut zusammen: Migration ist notwendig, wichtig und findet schon seit Menschengedenken statt. Wie man damit umgeht, dass Integration stets auf beiden Seiten passieren muss und man all die potentiellen Konfliktpotenziale abbauen müsse … „Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“ ist wahrhaftig ein Plädoyer geworden. Womit ich (persönlich) mir sehr schwer getan habe war die Rechtfertigung des Handelns mit dem Glauben; das zieht sich durch das ganze Buch. Aber filtert man die Grundessenz heraus, so ist Käßmann ein einfaches und verständliches Buch gelungen, dass vielleicht ganz einfach mal jeder lesen und verstehen sollte.

Margot Käßmann
Vergesst die Gastfreundschaft nicht!

Ullstein, Berlin 2011
Taschenbuch, 47 Seiten
ISBN: 978-3-550-08001-2
Preis: EUR 4,20

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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