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In Zeiten des Aufruhrs ist man immer auf der Suche nach einem Helden. Nach jemanden, der seinen Unmut publik macht und dabei die Massen zu bewegen weiß. Dass es diesmal ein über 90jähriger Franzose namens Stéphane Hessel ist, darf hierbei nicht überraschen.

Stéphane Hessel wurde 1917 in Berlin geboren, seit 1937 ist er französischer Staatsbürger. Ab Oktober 1945 war er Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Natoinen in New York. 1948 Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte. Im Auftrag der UNO und dem französischen Außenministerium war er zudem als Diplomat unterwegs.

„Empört euch!“ (Originaltitel: „Indignez-vous!“) hat ihn in den vergangenen Monaten zum französischen Rebellen gegen die heutige Weltpolitik werden. Seine Nachfolgestreitschrit, „Engagiert euch!“, ist das Transkript eines Gesprächs mit Gilles Vanderpooten.

Dieses gesamte Fundament der sozialen Errungenschaten der Résistance ist heute in Frage gestellt.

Stéphane Hessel erklärt, dass all die Grundsätze und Werte der Demokratie, welche der Nationale Widerstandsrat in Frankreich festlegte, heute alle in Frage gestellt sind: die freie Presse sei heutzutage nicht mehr Realität, Menschen werden in die Illegalität gestoßen, Migration wurde zum Angstpol Nummer eins, und auch das soziale Netz, auf welches man so stolz war, scheint zu bröckeln. Es ist Zeit, sich zu empören, meint Hessel. Man werde schon etwas finden, fügt er hinzu.

Doch zu Empörung gehört auf gar keinen Fall Gewalt. Hessel zitiert dabei Sartre, den großen Existenzialisten, der Gewalt grundlegend als Scheitern ansieht, es aber die einzige Möglichkeit ist, im Kampf gegen Gewalt ebendiese zu beenden. Hessel korrigiert: Das beste Mittel gegen Gewalt ist Gewaltlosigkeit.

Fünfzehn Seiten umfasst diese Streitschrift, die im Verlag Ullstein erschienen ist. Man liest sie ganz leicht während einer Zugfahrt zwischen Wien und St. Pölten. Und ist zufrieden: Hessel hat Recht. Es gibt genügend Dinge, über die man sich empören kann und das gewaltfrei. Er hat mit seiner Botschaft schon recht, und doch fehlt mir der große Anstoß. Vielleicht das gemeinsame Zielobjekt. Hessel nennt zwar als Beispiel seine Empörung über die Palästinafrage, hält es dem Leser aber offen, worüber er sich empören könnte.

Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unser Anliegen werden.

Und so klug, so inhaltlich vollkommen richtig und so treffend seine Aussagen in diesem Manifest auch sind: es fehlt doch an einem. An einem Ideenpool, wie man sich engagieren kann. Klar gibt es Tag für Tag Dinge, die empörenswert sind. Aber wie engagiert man sich? Wie vernetzt man sich? Die Instrumente sind klar. Der Einsatz von ihnen jedoch noch nicht tagtäglich. Und um eine kritische Masse zu erreichen, sind sie eben noch in Konturen existent, die Errungenschaften des Nationalen Widerstandrates. Das ist womöglich das Problem.

Stéphane Hessel
Empört euch!

Ullstein, Berlin 2011
Taschenbuch, 30 Seiten
ISBN: 978-3-550-08883-4
Preis: EUR 4,20

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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